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Buchhandlung Weltbühne
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Metzger-Archiv

Ausgewählte Beiträge aus dem Satire-Magazin DER METZGER



Lina Ganowski:

Reitz-Klima


(Der Metzger 100, Mai 2012)

Die Aufklärung über den Nationalsozialismus findet durch seine Anhänger statt, nicht durch seine Gegner.“
Ulrike Meinhof


By the way: Das war das seltsamste Gedicht, das ich je gelesen habe.

Empörung über Gedicht von Grass“ schlagzeilte die WAZ auf Seite 1.

Im Kommentar auf Seite 2 gab WAZ-Chefreakteur Ulrich Reitz seine spezielle Empörung preis: „Was treibt nur Günter Grass? … Grass‘ Ansichten sind skandalös, und sie sind antisemitisch, weil sie unterstellen, wer Kritik an Israel übe, werde stets als Antisemit rhetorisch totgeschlagen.“

Antisemit ist, wer damit rechnet, daß „Kritik an Israel“ stante pede das rhetorische Totschlagritual auslöst nach dem Motto „Wer als erster ‚Antisemit‘ schreit hat gewonnen“? Wie kann man nur darauf kommen! Dafür, daß diese „Unterstellung“ nicht so ganz aus der Luft gegriffen ist, ist dieselbe WAZ der Beleg. Auf Seite 1 unter der Schlagzeile „Empörung über Gedicht von Grass“ steht in der Unterzeile: „Broder: Gebildeter Antisemit“. (Die Doppeldeutigkeit dieser Überschrift ist delikat).

Den Namen Henryk M. Broder las ich am selben Tag an anderer Stelle. In der Piratenpartei versuchte einer, Carsten Schulz sein Name, sein Anliegen durchzusetzen, die Holocaustleugnung zu „entkriminalisieren“. Das sei „eine völlig legitime, politische, rechtliche und liberale Position, wie sie selbst von dem jüdischen Journalisten Henryk M. Broder vertreten wird“.

Beifälligkeiten solcher Art häufen sich. Der „jüdische Journalist“ hat sich zum Liebling der Rechtspopulisten gemacht, zum Kronzeugen der alten und neuen Rechten. Und den läßt WAZ-Reitz darüber gutachten, wer Antisemit ist!

Broder sprach sich dafür aus, daß es nicht länger verboten sein soll, den Holocaust zu leugnen. In der Vorstellungswelt des Henryk M. Broder ist der Holocaustleugner bloß ein harmloser Spinner, der doch nur – bitte schön – die Freiheit der Meinung für sich in Anspruch nimmt, und Antisemitismus kommt von links. Auch ich als Tochter einer jüdischen Mutter wäre vor dem rhetorischen Schaumschlag des Fanatikers nicht sicher, dem die Frankfurter Rundschau mal attestierte, seine Art, über einen jüdischen Intellektuellen herzuziehen, „müßte man als antisemitisch bezeichnen“ (siehe DER METZGER 48).

Als das Buch erschien, in dem Menschen, die unsere Kollegen und Nachbarn sind, als minderwertig und schädlich beschrieben wurden, da wurde dessen Verfasser Thilo Sarrazin durch die Talkshows gereicht. Auslassungen, die die Existenzberechtigung von Mitmenschen tangieren, wurden als diskutabel gewürdigt. Daß mit pseudowissenschaftlichen Rückgriffen auf „Vererbung“ eine Affinität zum Antisemitismus unübersehbar ist, wurde dabei tunlichst übergangen. Dem Verfasser wird bis heute von den Autoritäten bis hinauf zum Ersatzbundespräsidenten Mut bescheinigt.

Rassismus in der Bundesrepublik ist virulent, Antisemitismus ebenfalls. Die „Umerziehung“ nach dem Ende der faschistischen Diktatur blieb stecken ebenso wie die „Entnazifizierung“. Die Bundesrepublik Deutschland wurde als Vorposten im Kalten Krieg aufgestellt. Das kam den alten Nazis zugute, am meisten denen, die am anpassungsfähigsten waren. Am besten standen sich die, die überzeugungslos und pragmatisch der Naziherrschaft bloß Zuträgerdienste geleistet und sich mit ihr arrangiert hatten, denen es egal war, ob Juden vergast wurden oder nicht, solange für sie etwas heraussprang.

Immer wieder, aber nicht zu oft wird daran erinnert, daß die Elite des Dritten Reiches in Verwaltung, Justiz, Militär, Polizei, Wissenschaft und Wirtschaft bruchlos die Führung in der Bundesrepublik übernahm. Aber es waren nicht nur Generäle, Bosse, Richter und Professoren. Auch die Volksschullehrer, Jugendbetreuer, Hausmeister, Lehrherren und Lauscher an der Wand waren noch dieselben.

Mit dem Feindbild der Nazipropaganda wurde nicht aufgeräumt; es wurde nur verschoben: Es hieß nicht mehr „jüdischer Bolschewismus“, sondern nur noch „Bolschewismus“. Eine Wortweglassung genügte als „Vergangenheitsbewältigung“. Man läßt sich nicht mit den falschen Wort am falschen Platz auf dem falschen Fuß erwischen. Man verstand sich darin, was fortan nur noch hinter vorgehaltener Hand gesagt werden darf. Aber hinter der vorgehaltenen Hand WIRD es gesagt!

Für die Bundesrepublik ist die Verbundenheit mit Israel Teil der Staatsräson. Die Überwindung des Antisemitismus war es nie. Die ebenso kalkulierbare wie ritualisierte Inflation des Antisemitismusvorwurfs trägt zu seiner Überwindung nichts bei. „Antisemitismus“ wird von Broder und seinen Bewunderern zur Bedeutungslosigkeit heruntergequasselt.

Wer von denen, die sich schnell noch über dem Günter Grass sein Gedicht in „Empörung“ gehüllt haben, rührte je den Finger, um die Schande dieser Republik auszulöschen, daß die Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime auch in der Adenauer-Republik Verfolgte waren, angezeigt, verhört, angeklagt, verurteilt und eingesperrt von denselben Polizisten, denselben Staatsanwälten, denselben Richtern und denselben Denunzianten!

Wenn Günter Grass, Sozialdemokrat, der er ist, sich zur Politik äußerte, war das oft bedenkenswert, manchmal fragwürdig, manchmal falsch. Daß er die Komplexität des Nahostkonflikts nicht ganz richtig dargestellt hat, wird man ihm vorhalten können. Antisemitismus nicht.

Grass nannte Irans Präsidenten Ahmadinedschad einen Maulhelden. Das ist eine krasse Untertreibung. Aber daß Grass den Weltfrieden in Gefahr sieht, wenn Länder in Konflikt miteinander stehen, von denen das eine die Atombombe hat und das andere nach der Atombombe strebt – das kann nur bezetern, dessen Denken in der Staatsräson gefangen ist.

Grass mag die Gefahr durch Ahmadinedschad unterschätzen. Die Gefahr durch Netanjahu überschätzt er nicht.