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Ausgewählte Beiträge aus dem Satire-Magazin DER METZGER


Erika Birth:

Wat kochse denn da oder Vier Tomaten


Der Metzger Nr. 52 (Mai 1997)


Ich stehe am Herd und koche. Im Moment bin ich fast beängstigend ausgeglichen und ruhig. Das hat seine Gründe, die ich aber jetzt nicht unbedingt extra erzählen muß. Auf jeden Fall habe ich genug Lust und Zeit, was zu kochen, ich koche direkt für drei Tage vor, dann habe ich drei Tage Ruhe für mich.

Ich schmore Tomaten in diesem Augenblick und rühre und rühre, daß es nicht wieder anbrennt wie sonst. Ich starre in den Topf und rühre.

Blub, Blub, Blub macht es und zischt und Ssst!

Ich starre weiter, und es macht nicht gerade sehr geistreich weiter: blub, blub…

Was er jetzt wohl macht? Vielleicht sitzt er am Schneidetisch. Vielleicht guckt er „Werbung“. Oder rechnet… Oder er macht Salat! (Was alles heißen kann). Nein, tut er auch nicht. - Er steht hinter mir unterm Fenster.

Von wem die Rede ist, und wer „Er“ ist, dürfte dem geschätzten Leser inzwischen bekannt sein.

Ich sehe über meine Schulter ihn stehen in meinem Lieblingshemd, die Zigarette im Mundwinkel blättert er in der FR, sieht aber woanders hin, in meine Richtung, aber nicht mir ins Gesicht, sondern er fixiert mich mit seinem Blick ein Stück tiefer. Sein Gesichtsfeld ist stark eingegrenzt auf mein ganz bestimmtes Körperteil. Er erfaßt mich nicht als Ganzes, sondern nur in der Mitte.

Jetzt bemerkt er meinen Blick, lächelt sinnig und fragt belustigt: „Wat kochse denn da?“

„…“

Jetzt geht das wieder los! Er irritiert mich, ich werde unsicher, rühre heftiger, etwas von der roten Pampe spritzt aus dem Topf. Ich schüttel den Kopf, mache die Augen zu, mache sie wieder auf: Er ist immer noch da. Und antworte schließlich sehr bestimmt und konzentriert:

„Dies sind Tomaten, sie dürfen nicht anbrennen.“

Pause.

„Na, dann paß mal fein auf!“ erwidert er, während er weiter auf meine Hüften starrt.

Ich glaube fast, ich weiß, was er jetzt denkt: „Wie machen die Frauen das bloß, daß ihr Hintern sich bewegt, auch wenn sie gar nicht laufen?“ In diesem Moment weiß ich, wie ich von hinten aussehe.

Daher rühre ich noch heftiger eifrig im Topf, werde langsam nervös, alles wackelt, alles, alles wackelt. Auch der Topf.

Es ist still bis auf die kochenden Tomaten und das Rascheln der Zeitung. Ich dreh mich ganz um, er steht da und sieht sehr interessiert hinein, grinst ein bißchen.

Verdammt, ich fühle mich beobachtet, und ich erwisch ihn nicht!

Jetzt sagt er sehr sanft und zärtlich, immer noch die Zigarette im Mundwinkel: „Paß auf, dat da keine Farbe reinkommt.“

Ich weiß, was er meint. Die schwarze Leggings, die ich trage, ist auch versaut mit Farbflecken, denn ich habe die häßliche Angewohnheit, meine Hände am Hintern abzuwischen oder an den Oberschenkeln. Auf Schwarz sieht man alles. Zugegeben, ich sehe was schlampig aus im Moment, aber eben auch nach Arbeit.

„Paß du auf, daß die Zigarette dir nicht den Bart verbrennt!“

„Hm…“

Ich starre konzentriert weiter auf den roten Brei im Topf: „Was ich koche? Ich koche Tomatensuppe, sehr viel, für heute und morgen, und der Rest wird eingefroren. - Zuerst habe ich die Zwiebeln gegart, dann die Tomaten weichgekocht, jetzt stäube ich Mehl darüber um das ganze zu binden, es kömmt viel Wasser dazu, der Deckel drauf und muß 15 Minuten kochen.“

„Ja“, sagt er andächtig, „Tomaten. Weichgekocht… Zwiebeln…“, legt die Zigarette in den Aschenbecher, faltet die Zeitung zusammen und tritt hinter mich.

„Dann wird die Suppe durch ein Sieb gestrichen“, fahre ich fort, „und erhält eine Reiseinlage. Zum Schluß wird sie mit Sahne verfeinert.“ (Er atmet, genau so, wie ich es gernhabe). „Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“

„Ja“, und er tritt noch näher an mich heran. „Reiseinlage… mit Sahne… verfeinern. Wie war das noch mit dem Mehl?“ flüstert es. Er küßt mich auf den Hals, während seine Hände erst ruhig auf meinen Hüften liegen, dann aber abwechselnd die Rundungen meines Popos streicheln.

Jetzt ist es zu spät für mich, ich schaffe es gerade noch, den Topf wegzuziehen und die Platte auszuschalten. Ich habe jetzt was anderes zu tun, etwas viel Schöneres, Wichtigeres als Suppen, seine Hand ist schon unter meinem Hosenbund, ich dreh mich um und geb's ihm zurück, hör es wieder schmusig flüstern:

„Du bist eine wundervolle Köchin. Gibst du mir das Rezept?“

„Ja“, hauche ich noch, „und viel mehr.“

Er faßt energischer zu: „BESTIMMT?“

„JaaaaAAAA!“

Daraufhin plaziert er einen Kuß auf die Schulter, genau auf die Stelle. Die Suppe ist an dem Tag nicht mehr fertig geworden, dafür war mein Popo rot wie zwei reife Tomaten - und ich gab ihm alles zurück!

(Das ist doch auch was, oder? So wird bestimmt nie eine Hausfrau aus mir, so sehr ich mich auch bemühe. Gott sei dank ist er Kommunist und kocht meistens. - Mit Vernunft, daß nichts anbrennt!)