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Ausgewählte Beiträge aus dem Satire-Magazin DER METZGER


Lina Ganowski:

Scharping: Pfannekuchen für alle!


DER METZGER Nr. 63 (Dezember 2001)


Rudolf Scharping hätte wissen müssen: Wenn Sozialdemokraten in Badehose gesehen werden, dann geht das nie gut. 1920 brachte die Berliner Illustrierte auf dem Cover Reichspräsident Ebert und Reichskriegsminister Noske im Wannsee planschend, und das tat deren Image Abbruch. Mehr noch: Die ganze Weimarer Republik nahm Schaden.

Auch Petitessen der Geschichte wiederholen sich irgendwann mal als Farce. Der Schaden hielt sich in Grenzen. Es durfte gelacht werden.

Es kann sein, daß Rudolf Scharping sich rächen wollte an denen, die ihn mal zum Interims-Parteichef machten und mal wieder absägten und sowieso immer mit ihm machen, was sie wollen. Wenn so einer sich rächen will, hat er nicht viel Möglichkeiten. Wenn der Tollpatsch sich rächt, wird er selber naß. Wahrscheinlich hat er zum Schröder gesagt: „Ich habe mich blamiert, das habt ihr jetzt davon!“

Vielleicht war auch gar nicht Rache das Motiv. Irgendjemand hat dem Scharping zugeflüstert, er solle mal was für sein Image tun, und das Unheil nahm seinen Lauf. Alle halten ihn für den Einschlaf-Redner der Nation, für eine Büroklammer auf zwei Beinen. Er wollte es allen zeigen, daß noch was ganz anderes in ihm steckt.

Galt es für einen Sozialdemokraten bisher als das Höchste, vom Bürgertum gelobt zu werden, glaubte Scharping, nun alle Rekorde getoppt zu haben: mit einer echten Gräfin von Adel, aus dem Geschlecht derer von und zu Platti. Anderswo sieht man das anders. Galt es für eine Gräfin bisher als das Tiefste, sich mit einem Bürgerlichen einzulassen, wurden nun alle Rekorde gebottomt: mit einem richtigen Sozialdemokraten aus Rheinland-Pfalz, vor Paparazzi, die eigens bestellt werden mußten (sowas haben die auch noch nie erlebt). Nicht der Sozi wurde geadelt, sondern der Adel sank in das Planschbecken auf Mallorca. Allen wollte er zeigen, daß er eben doch nicht bloß die Büroklammer auf zwei Beinen ist. Was ist er also? Die Büroklammer im Schwimm-Pool. Und so toll ist die Frau ja auch nicht.

(Jetzt müßte sich bloß noch herausstellen, daß es sich um ein Nichtschwimmerbecken handelte).

Ein Politiker ist nun mal dem Fatum ausgeliefert. Das Kharma klebt an ihm. Auf ihm lastet der mephistophelische Fluch: „Du bist am Ende - was du bist. / Setz dir Perücken auf von Millionen Locken, / Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken, / Du bleibst doch immer, was du bist.“ (Goethe, Faust). Große Worte für banale Dinge. Jeder kennt die Politiker, jeder sieht sie, aber was sie sagen und tun, versteht kaum jemand. Für den Wähler ist der Politiker ein Typ, zu dem diese oder jene Krawatte nicht paßt.

Helmut Kohl bleibt der Provinzler, und wenn er lernt, über Wasser zu gehen, würde man höchstens sagen: Seht ihr: schwimmen kann er auch nicht. Claudia Roth kann sich die Haare rot färben und nach Bayreuth fahren: sie bleibt doch immer das Pummelchen aus der WG. Alice Schwarzer kann in der Humba-Täterä-Sendung als Ulknudel auftreten: Sie bleibt das herumquatschende Verbotsschild, das sie ist. Angelika Beer kann sich eine schicke Frisur machen lassen: Dann wäre sie der Blaustrumpf mit schicker Frisur. Angela Merkel kann schulterfrei mit Federboa zur Wagner-Premiere erscheinen: Sie wäre der Trampel mit Federboa. Ihre Ausstrahlung steigt dadurch genauso wenig wie bei deutschen Landsern, die in einen französischen Weinkeller einfielen, die Kultur. Und Rudolf Scharping kann sich mit Gräfin zeigen, sogar mit Fürstin oder Herzogin: Er bleibt das blinde Huhn, das auch mal ein Korn gefunden hat.

Das blinde Huhn wartet auf Huldigung vergeblich: „Scharpingiaden“ (Süddeutsche Zeitung), „die nackte Kanone“ (Stern), „liebestoller Minister“ (Stern), „Ich bin irritiert, um es freundlich zu sagen“ (Claudia Roth), „Wir alle sagen, der hat im Moment 'ne Macke“ (Wolfgang Clement).

Daß der Mann 'ne Macke hat, hätten alle merken können, als der im Kosovo-Krieg seinen Hufeisenplan halluzinierte. Damals dienten seine Imaginationen deutschen Kriegszielen. Da blieb er ungeschoren. Jetzt ist er naß geworden. C'est la vie: die kleinen Sünden bestraft der liebe Gott sofort.

Und dann war da noch, daß das Flugzeug, das extra für den Scharping bestellt war, losflog, und erst in der Luft merkte man, daß man den Scharping auf dem Flugplatz vergessen hatte. Und dann war da noch, daß dem Glos und dem Merz das Flugzeug vor der Nase wegflog, und da war der Scharping drin und die Aktentasche vom Merz. Ob der Schröder gefragt hat: „Hast du denn wenigstens mal nachgeguckt, was der Merz in seiner Aktentasche hat?“ - „Hab ich. Ne Tüte Gummibärchen.“

Wenn man den Scharping im Fernsehen sieht, mit steifem Schritt, dann sieht das so aus, als würde er die Luft anhalten. Und man denkt sich: Der Rudolf Scharping ist die ideale Besetzung für die Rolle des Verteidigungsministers in einem Film, in dem Louis de Funes den Bundeskanzler spielt.

Scharping ist in einem anderen Film: „Die Soldaten freuen sich, daß sie einen immer präsenten und im übrigen glücklichen Minister haben.“

Und so darf man sich nicht wundern, wenn Rudolf Scharping zur nächsten Kabinettssitzung mit einem riesigen Koffer erscheint, den Koffer aufmacht und freudestrahlend an die staunenden Minister Pfannekuchen verteilt.