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Ausgewählte Beiträge aus dem Satire-Magazin DER METZGER


Lina Ganowski:

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Der Metzger Nr. 66 (März 2003)


Den sind wir los! Der Jürgen W. Möllemann ist aus dem Rennen. Vielleicht wird er sich nochmal aufrappeln. Vielleicht zieht sich sein Abgang noch in die Länge. Vielleicht legt er noch ein paar Karten auf den Tisch. Aber die Partie ist verloren. Darauf wette ich.

Kann sein, daß ich mich irre. Die Wette könnte ich verlieren. Bei Möllemann weiß man nie. Und der läßt so schnell nicht locker. Das Stehaufmännchen von mit Raffiniertheit gepaarter Geltungssucht hatte schon mehr als ein Comeback. Aber ich glaube doch, daß er diesmal KO ist.

Möllemann wußte, daß man hohe Einsätze bringen muß, um viel zu gewinnen. Er hat hoch gepokert und verloren. Wer mit hohen Einsätzen verliert, verliert viel.

Für seine Partei (FDP) ist er zur Belastung geworden. In solchen Fällen wenden sich auch Freunde ab. Und eine neue Partei mit Möllemann?

Kaum eine Partei war so gebärfreudig wie die FPD, keine andere Partei hat so viele Abspaltungen hervorgebracht. Sie sind alle gescheitert. Nach 1949 verschwanden viele Parteien reihenweise in wenigen Jahren: Bayernpartei, Zentrum, Deutsche Partei, BHE. Die rechten Parteien, die danach kamen, schrumpften wieder zusammen (und wirken auf einer anderen Ebene). Der einzige Neuling, der sich dauerhaft etablieren konnten, waren die Grünen (die PDS ist ein Sonderfall). Parteigründungen scheitern fast immer. Je kleiner, desto anfälliger für Spaltungen. Einen zweiten Mann bräuchte er mindestens. Da wäre ja der Karsli. Aber je kleiner die Partei, desto schneller zerstritten. Und mit den ewig Unzufriedenen, die sich für jeden Demagogen wildentschlossen begeistern, ist keine Partei zu machen, die einen Möllemann trägt. Zu viel hat er taktiert und sich gewunden und gewendet, um als Demagoge durchzugehen. Denn, wie gesagt, bei Möllemann weiß man nie (wo man dran ist). Alles das weiß er. Er weiß bestimmt auch, daß dauernde Krankfeierei ihm nicht gerade den Nimbus des sieghaften Bürgertribuns verleiht, und daß Herumgedruckse wegen geheimnisvoller Geldquellen bei Demagogen-Fans auch nicht gut ankommt.

Zurecht wird ihm unterstellt, daß er es auf die Tour versucht hat wie Haider. Aber dem ist gelungen, was dem Möllemann nicht gelungen ist: eine bestehende Partei zu kapern. Wie Haider die FPÖ brauchte, braucht Möllemann die FDP, einen fertigen Apparat und langjährige Mitglieder, die an ihrer Partei festkleben, und nicht eine flüchtige Anhängerschaft.

Möllemann dachte sich: Wenn die Leute „politikverdrossen“ sind (weil in der Politik alles so kompliziert ist) und „den Parteien davonlaufen“, dann laufen sie vielleicht einem Tribun zu. Das ist jemand, der das sagt, was andere zu sagen sich nicht trauen, was aber viele denken. Und viele denken (das ist belegt), daß die Juden sich mal wieder dicke tun und uns sowieso auf der Tasche liegen. Dagegen müßte man doch mindestens mal aufmucken dürfen, oder? Natürlich sind wir keine Antisemiten, Gott bewahre! Also verschickte er ein Flugblatt, das er, um zu zeigen, wie up-to-date so ein Tribun heute ist, „Flyer“ nannte, in welchem er den Leuten sagte, was sie gern hören, nämlich das, was sie auch so finden. Die Leute finden, daß der Michel Friedman ein ganz fieser Kerl ist, der ein strahlendes Lächeln aufsetzt, wenn er die Leute am Nasenring durch seine Krawall-Talkshow zieht. (Den Michel Friedman mag ich auch nicht besonders, aber die meisten derer, die ihn nicht mögen, mag ich noch weniger. Die Krawall-Talkshow mag ich auch nicht besonders, aber das, was die Leute lieber sehen würden, mag ich erst recht nicht). Selbstbewußt, gutaussehend, erfolgreich, gescheit, a bisserl hochnäsig (na ja) und ironisch. Und Jude! Wer dem ans Bein pinkelt, kriegt „Jawoll!“ zu hören.

Ist Möllemanns Flugblatt antisemitisch? Natürlich nicht! Das heißt: Der Wortlaut ist es nicht. Da hat Möllemann haarscharf die Grenzen geschrammt, aber nicht überschritten. Antisemitisch sind die Empfindungen, an die durch ein solches Flugblatt appelliert wird. Man muß nicht „Die Juden sind unser Unglück“ sagen, man braucht nur „Die Juden können ganz schön lästig sein“ zu verstehen zu geben, um Wallungen anzuheizen. Die Wallungen wallen, während Möllemann seine Hände in Unschuld wäscht. Aber da hat er sich in seiner eigenen Schlauheit verheddert. „Die Juden“ - das ist hierzulande ein Thema, über das man nicht gern spricht und auf das man nicht gern angesprochen wird. Man reagiert gereizt, fühlt sich schon durch das Stichwort ertappt, und feine und scheinheilige Differenzierungen nützen nichts. Wenn einer aus seinem Herzen (k)eine Mördergrube macht und die Wallungen mit ihm mal durchgegangen sind, dann hat er am nächsten Morgen einen Kater: „Ach, hätten Sie mich doch bloß nicht darauf angesprochen!“

Der Antisemitismus ist ein schleichendes Gift und eine Zeitbombe zugleich. Das ist gefährlich für uns Juden in Deutschland. Aber ein Erfolg ist für den, der an der Lunte hantiert, nicht garantiert. Das ist nicht beruhigend für uns Juden in Deutschland. Daß Möllemann mit seinen Antisemitismus-Taktiken die FDP gegen sich aufgebracht hat, sagt nichts über deren moralische Sauberkeit. Man ist in dieser Partei nicht über den Antisemitismus empört, sondern über den Ärger, der damit verbunden ist. Möllemann meint, mit Antisemitismus gewinnt man Stimmen, darum kann man es machen. Westerwelle meint, mit Antisemitismus verliert man Stimmen, darum kann man es nicht machen. Das ist der ganze Unterschied. Jetzt sind alle gegen Möllemann, die für ihn wären, wenn sein Trumpf gestochen hätte.

Daß man mit dem Auslösen antisemitischer Assoziationen nicht unbedingt auf die Schnauze fällt, hat ein anderer gezeigt, der jetzt immer noch in der Galerie der Ehrenmänner zu besichtigen ist: Roland Koch. Der ist nicht nur geschickter mit dem Sprengsatz umgegangen, sondern auch noch skrupelloser. Im Hessischen Landtag „vergaloppierte“ er sich absichtsvoll und sicherte sich das Quentchen, das bei der bevorstehenden Landtagswahl für die absolute Mehrheit noch fehlte: Von reichen Leuten (Vermögens-)Steuer zu verlangen ist so, als würde man ihnen den Judenstern an die Brust heften.

Die Aufregung war heftig und kurz. Roland Koch mußte sich sogar entschuldigen, und konnte sich auch in dieser Pose des Sieges sicher sein. Da paßte alles zusammen: das Klischee „Jude=reich“ trat sich mal wieder fest, und der gegen die Schröder-Regierung gerichtete Aufstand der Doofen für die Reichen bekam Munition. Der Vorwurf des Antisemitismus wurde der Gewerkschaft ans Hemd geklebt, und am Ende kommt raus, daß die Deutschen die Opfer sind. In dieser Rolle gefallen sie sich am besten. Aufgeregt haben sich nur die, die der Stammtisch nicht leiden kann: Journalisten, Literaten und Paul Spiegel, die Moralkontrolleure also, die als die heimlichen Diktatoren gesehen werden. Der arme Roland Koch! Man konnte sich so recht mit ihm identifizieren: Nichts darf man sagen, sonst hat man gleich die ganzen Intellektuellen oder irgendeine Feministin oder irgendeinen Juden auf dem Hals, die immer was zu nörgeln haben! Roland Koch ist der Mann, der den Untertanen imponiert: unsmart, häßlich, skrupellos, ein bißchen leutselig, schweinegesichtig und voller Verständnis für folternde Polizisten. Die häßlichen Deutschen wollen von Leuten geführt werden, die so sind wie sie selbst: brutal.

Die hessische CDU hat ihr eigenes, ganz besonderes Verhältnis zu den Juden. Die Partei, die eine Unterschriftensammlung gegen Ausländer organisierte und die Ressentiments anfachte, aus denen auch der Antisemitismus erwächst, tarnte ihre Schwarzgelder als „Vermächtnisse emigrierter Juden“. Wer das für eine besonders ungeschickte Ausrede hielt, macht sich noch keinen Begriff davon, was die mit den Juden noch anstellen würden, wenn sie erstmal richtig könnten, was sie wollen. Bei der hessischen CDU unterscheidet man zwischen Juden, die uns nutzen, und denen, die uns ausnutzen.

P.S.: Nachdem „Vergleiche“ immer wieder Staub aufgewirbelt hatten, wurde vorgeschlagen, es solle in den Kodex politischer Anständigkeit aufgenommen werden, „Nazi-Vergleiche“ grundsätzlich zu unterlassen. Warum soll man nicht „vergleichen“? Man kann ein Ei mit dem anderen „vergleichen“. Man kann auch Äpfel und Birnen „vergleichen“. Man kann auch Gorbatschow mit Goebbels oder Saddam Hussein mit Hitler „vergleichen“. Man kann auch Bush mit Hitler „vergleichen“ (unnötig. Es genügt, Bush mit Bush zu „vergleichen“). Man kann auch einen Regenschirm mit einem Weißbrot „vergleichen“. Man darf sie nur nicht miteinander verwechseln - und schon gar nicht gleichsetzen.

Gorbatschow und Goebbels (Kohl), Saddam und Hitler (Enzensberger), die Palästinenser und die Sudentendeutsche Landsmannschaft (Gremliza): Das sind Vergleiche, die keine sind, sondern Gleichungen, die nicht aufgehen. Falsche Gleichungen sind demagogisch, oder einfach idiotisch, wie der Satz von Henryk M. Broder: „Früher, als die Deutsche Friedensbewegung noch unter dem Namen 'NSDAP' firmierte…“ Ich will nicht undankbar sein. Zeigt ein solcher Satz doch die Verkommenheit dieses Amok-Schreibers.

Als Beispiel für „unstatthafte“ „Nazi-Vergleiche“ wurde auch zitiert, daß der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Stiegler daran erinnert hatte, daß die bürgerlichen Parteien, also die Vorläufer von CDU und FDP, 1933 für Hitlers Ermächtigungsgesetz gestimmt haben.

Wenn alle „Nazi-Vergleiche“ verboten sind, wird diese Ur-Erfahrung, daß die erste Demokratie in Deutschland nicht an „Extremisten“ scheiterte, sondern an der „Mitte“, gleich unter den Teppich gekehrt. Wie bequem! Die Vergangenheit, die in der Gegenwart steckt, ließe sich entsorgen.

Nein! Vergleiche sind statthaft. Nazi-Vergleiche sind notwendig. Nur stimmen müssen sie. Stieglers Vergleich stimmte.