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Ausgewählte Beiträge aus dem Satire-Magazin DER METZGER



Lina Ganowski:

Widerstand - gern vergessen

Erinnerung an zwei Widerstandskämpfer zu deren hundertsten Geburtstag

DER METZGER Nr. 66 (März 2003)



Joseph Rossaint

Am 29. Januar 1936 wurde in Düsseldorf der Kaplan Dr. Joseph Rossaint verhaftet. Die Gestapo holte den Geistlichen ab, der gerade einen Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Mariae Empfängnis abgehalten hatte. Im folgenden Jahr war Rossaint in Berlin einer der Angeklagten im „Katholiken-Prozeß“. Im April 1937 wurden die Urteile gesprochen. Joseph Rossaint wurde „wegen Vorbereitung zum Hochverrat unter erschwerten Umständen“ zu 11 Jahren Zuchthaus verurteilt. Das Nazi-Regime rechnete mit seinen Gegnern aus den Reihen der Katholischen Kirche ab. Es gab sie, aber es waren wenige, und sie standen auf verlorenem Posten. Die Amtskirche distanzierte sich offiziell von ihren antifaschistischen Glaubensbrüdern. Der Münchener Kardinal Michael Faulhaber versicherte dem „Führer“: „Auch wenn irgendwo ein Kaplan im Westen des Reiches sich versöhnlich über den Bolschewismus äußert Entgleisungen wird es immer geben kann ich Sie versichern, Herr Reichskanzler, daß alle deutschen Bischöfe und alle amtlichen Stellen der Kirche mit kirchlichen Mitteln, ohne ins Politische sich zu verirren, gegen den Bolschewismus anzukämpfen bereit sind.“

Joseph Rossaint hatte sich schon vor Hitlers Machtübernahme gegen die Faschisten gestellt. Als Jungschar-Führer knüpfte er Kontakte mit dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD), der Jugendorganisation der KPD, und er unterhielt nach 1933 weiterhin Kontakte mit kommunistischen Widerstandskämpfern.

1945 sollte Joseph Rossaint wieder ein Kirchenamt übernehmen. Aber der Kölner Kardinal Josef Frings stellte eine Bedingung. Er verlangte von Rossaint den Abbruch aller Beziehungen zu seinen kommunistischen Mithäftlingen und das Ende jeglicher politischen Betätigung.

Rossaint lehnte ab. 1947 schloß er sich der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) an. Er wurde deren Präsident und war bis zu seinem Tod im Jahre 1991 Ehrenpräsident der VVN.

In Düsseldorf soll der antifaschistische Geistliche nicht vergessen werden. An seiner früheren Kirche wurde eine Gedenktafel angebracht. Eine Straße soll nach ihm benannt werden.

Die Katholische Kirche hat sich mit Joseph Rossaint schwergetan. Manche in ihren Reihen mögen sich lieber an Michael Faulhaber erinnern ihnen ist der antifaschistische Widerstand aus ihren Reihen peinlicher als die Kollaboration der Amtskirche mit dem Naziregime. Ihnen trat der Düsseldorfer Stadtdechant Rolf Steinhäuser entgegen. Bei einer Gedenkveranstaltung der VVN sagte er: „Wir können und wollen uns als Kirche nicht ein drittes Mal von ihm distanzieren. Wir ehren in Kaplan Rossaint einen Priester, dessen Treue zum eigenen Gewissen ein Licht in dunkler Zeit war.“

Joseph Rossaint wurde vor hundert Jahren geboren.


Georg Elser

Das Ereignis wird erwähnt, der Täter wird eher verschwiegen so, als wolle man die ganze Wahrheit eigentlich gar nicht wissen. Johann Georg Elser war der Mann, der am 8. November 1933 das Sprengstoff-Attentat auf Hitler im Münchener Bürgerbräukeller verübte. Hitler überlebte das Attentat, weil die Bombe erst hochging, als Hitler das Lokal verlassen hatte. Elser wurde am selben Abend verhaftet, als er versuchte, die Schweizer Grenze zu überschreiten. Er wurde als „Sonderhäftling des Führers“ gefangengehalten, zuerst im KZ Sachsenhausen, dann im KZ Dachau, und dort am 9. April 1945 ermordet.

Die Tatsache, daß die Bombe Hitler verfehlte, hat Gerüchten Nahrung gegeben. Das Attentat sei eine von den Nazis selbst verübte Provokation gewesen, um der Welt zu beweisen, daß Hitler von der „Forrrsähung“ auserwählt sei. Mit diesem Gerücht wenn es auch widerlegt ist kann der Blick vom Attentäter abgelenkt werden. Er paßt nicht in ein Geschichtsbild, in dem das Attentat vom 20. Juli 1944 als einzige legitime Widerstandsaktion dargestellt wird. Die konservativen Eliten, die Hitler an die Macht brachten und an der Macht hielten, wollen auf diese Weise auch den Widerstand für sich pachten. Den anderen Widerstandskämpfern, namentlich den Kommunisten, haftete auch noch nach 1945 der Ruch des Landesverrats an. In einer Gesellschaft, die den Antikommunismus als Staatsdoktrin betrieb, mußte der Widerstand ausgeblendet, verfälscht, diffamiert, aus dem Gedächtnis gelöscht werden.

Aus dem Halbvergessen entsteht das Bild des seltsamen Eigenbrötlers Georg Elser, Zitherspieler, Trachtenträger, Stammgast in Münchener Bierlokalen, ein Gelegenheitsarbeiter, der nächtelang in seiner Kellerwerkstatt herumbastelte und tüftelte und sich mit dem Reparieren von Uhren und Haushaltsgeräten über Wasser hielt. Als Arbeiter in einem Steinbruch verschaffte er sich den Sprengstoff für seine Bombe. Verschwiegen wird, daß der „Einzelgänger“ Verbindungen zum kommunistischen Widerstand hatte. Schon 1929 war er dem Roten Frontkämpferbund beigetreten. Verschwiegen wird es deshalb, weil der Mythos von der Ohnmacht des Einzelnen gegen die Übermacht des Regimes, das Scheitern des Widerstandskämpfers all die Mitläufer freisprechen soll: Seht her, man konnte ja doch nichts machen, und wer etwas tat, scheiterte.

Die Nazis selbst glaubten nicht an den Einzeltäter. Sie glaubten an eine Verschwörung des britischen Geheimdienstes, dessen Werkzeug Elser gewesen sein sollte. Nach dem „Endsieg“ sollte ein Schauprozeß die Verschwörung aufdecken. Als der „Endsieg“ perdu war, gab Himmler den Befehl, Elser zu ermorden. Die Mächtigen klammern sich entweder an eine Einzeltäterversion oder an eine Verschwörung, ganz nach Bedarf.

Elser hatte den Plan zu seinem Attentat ein Jahr zuvor gefaßt nach der Hitler-Rede im Bürgerbräukeller 1938 (seine Freundin war dort Kellnerin). In jedem Jahr trat Hitler dort am 8. November auf, am Jahrestag des Hitler-Putsches von 1923. Spitzfindige Historiker haben Elser angelastet, er habe durch sein Bombenattentat nicht nur Hitler, sondern auch andere in Gefahr gebracht am 8. November 1939 wurden durch die Detonation acht Menschen getötet. Es war jedoch Elsers Absicht, nicht nur Hitler, sondern auch einige seiner Gefolgsleute zu töten. Hitler sprach nicht vor unbeteiligten Kneipenbesuchern, sondern vor seinen „alten Kämpfern“. Elsers Absicht war, wie er im Verhör sagte, „noch größeres Blutvergießen zu verhindern“. Das Attentat geschah wenige Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Der Verweis auf die acht „unschuldigen“ Opfer des Attentats erscheint angesichts der Millionen Toten des Krieges, der durch einen möglichen frühen Zusammenbruch des Regimes hätte beendet werden können, als an den Haaren herbeigezogen.

Hitler hatte das Lokal verlassen, als die Bombe explodierte. Dabei hatte aber nicht die „Forrrsähung“ die Hand im Spiel, sondern der Zufall, den Elser nicht vorhersehen konnte: Über Berlin lag in dieser Novembernacht Nebel. Hitler konnte nicht mit dem Flugzeug in die Hauptstadt zurückkehren, sondern mußte mit dem Zug fahren, und daher seinen Aufenthalt im Bürgerbräukeller abkürzen.

1982 schrieb Peter-Paul Zahl das Theaterstück „Johann Georg Elser ein deutsches Drama“. 1989 drehte Klaus Maria Brandauer den Film „Georg Elser - einer aus Deutschland“ (er spielte auch die Hauptrolle). Im Nachspann des Films wird erwähnt, daß kein Denkmal, keine Gedenkstätte an Georg Elser erinnert.

Am 4. Januar 1903, vor hundert Jahren, wurde Johann Georg Elser geboren.