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Ausgewählte Beiträge aus dem Satire-Magazin DER METZGER



Helmut Loeven:

Keine Lösung


In Deutschland gab es wegen Normenerhöhung noch nie einen Aufstand


Der Metzger Nr. 67 (Juli 2003)


Hier irrte Brecht

Anläßlich der Ereignisse am 17. Juni 1953 schrieb Bertolt Brecht einen Brief an Ulbricht: „Die Geschichte wird der revolutionären Ungeduld der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands ihren Respekt zollen. Die große Aussprache mit den Massen über das Tempo des sozialistischen Aufbaus wird zu einer Sichtung und Sicherung der sozialistischen Errungenschaften führen. Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen in diesem Augenblick meine Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands auszusprechen.“ Im Neuen Deutschland wurde bekanntlich nur der letzte Satz zitiert. Um zu verstehen, was es mit den Stichworten „revolutionäre Ungeduld“ und „sozialistische Errungenschaften“ auf sich hat, muß daran erinnert werden, daß die SED kurze Zeit vorher beschlossen hatte, in der DDR die antifaschistisch-demokratische Ordnung abzulösen und zur nächsten Phase, zum Aufbau des Sozialismus überzugehen. Dies geschah unter enormen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und war daher in der SED nicht unumstritten. Die Voraussetzungen dafür, in die Phase des sozialistischen Aufbaus überzugehen, waren so gut wie gar nicht gegeben. Es war ein Kraftakt, zu dem die Kraft fehlte. Auf Unterstützung durch die Schutzmacht war nicht zu hoffen, denn anders als die westlichen Länder war die Sowjetunion im Krieg dem Erdboden gleichgemacht worden. Für die Entwicklung der Schwerindustrie wurde die Konsumgüterindustrie vernachlässigt. Die Verbesserung der Lebensbedingungen wurde aufgeschoben. Die Regierung setzte die Preise für Güter des täglichen Bedarfs und für die öffentlichen Verkehrsmittel herauf, strich einige Privilegien für Arbeiter und beschloß schließlich, zur Anhebung der geringen Produktivität die Arbeitsnormen drastisch zu erhöhen: mehr Arbeit für den gleichen Lohn. Diese Maßnahmen führten zu Unruhen in der Bevölkerung. Sie wurden rückgängig gemacht - mit Ausnahme der Normenerhöhung.

Man wird kaum bestreiten können, daß die Arbeitsproduktivität in der DDR im Jahre 1953 zu niedrig war und unbedingt gesteigert werden mußte. Ob dieses Problem mit der Erhöhung der Arbeitsnormen hätte gelöst werden können, ist eine andere Frage. Wer verlangt, daß 10 % mehr Material verarbeitet werden muß, der muß dann bitteschön auch für 10 % mehr Materialnachschub sorgen, von den Gefahren durch höhere Arbeitsbelastung gar nicht zu reden. Die Normenerhöhung wurde durch keine Maßnahme flankiert, die eine produktivere Arbeit ermöglicht hätte. Ebensogut kann man einem Acker befehlen, 10 % mehr Weizen wachsen zu lassen.

Vor diesem Hintergrund klang das Stichwort „revolutionäre Ungeduld“ wie ein Tadel, und die Ankündigung, die „große Aussprache mit den Massen“ würde „zu einer Sicherung der sozialistischen Errungenschaften führen“, wie ein frommer Wunsch. Man ist geneigt, dem Chefredakteur des Neuen Deutschland, Herrnstadt, der die beiden Sätze strich, eher zuzustimmen als dem Klassiker, denn Herrnstadt stand Ulbricht, der „revolutionären Ungeduld“ und dem überhasteten „Tempo des sozialistischen Aufbaus“ kritischer gegenüber.

Brecht reagierte auf den fragmentarischen Abdruck seines Briefes mit einem zweiten Brief, den das Neue Deutschland am 23.6.1953 veröffentlichte: „Ich habe am Morgen des 17. Juni, als es klar wurde, daß die Demonstrationen der Arbeiter zu kriegerischen Zwecken mißbraucht wurden, meine Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei ausgedrückt. Ich hoffe jetzt, daß die Provokateure isoliert und ihre Verbindungsnetze zerstört werden, die Arbeiter aber, die in berechtigter Unzufriedenheit demonstriert haben, nicht mit den Provokateuren auf eine Stufe gestellt werden, damit nicht die so nötige Aussprache über die allseitig gemachten Fehler von vornherein gestört wird.“ Daß Walter Ulbricht an solcher Art von Loyalität, die das Eingeständnis von Fehlern verlangt hätte, interessiert war, darf man bezweifeln.

Der bekannteste Kommentar von Bertolt Brecht zum „17. Juni“ ist das Gedicht „Die Lösung“ aus den Buckower Elegien. Es ist oft zitiert worden, meist in der Absicht, den Anspruch der DDR, ein demokratischer Staat zu sein, ebenso als ein Ding der Unmöglichkeit hinzustellen wie die Verbindung Brechts mit der DDR. Antikommunisten wollen den Klassiker literaturgeschichlich auf ihre Seite ziehen.

In dem Gedicht wird der Sekretär des Schriftstellerverbandes genannt. Sein Name war Kuba (Kürzel von Kurt Bartel). Die Abneigung zwischen dem Avantgardisten Brecht und den „linientreuen“ Kollegen an der Spitze des Verbandes beruhte auf Gegenseitigkeit. Die, die Brechts Gedicht gern zitieren, haben sich nie für das interessiert, was Kuba auf Flugblättern den Bauarbeitern der Stalinallee mitteilte. Diese Wissenslücke muß mal geschlossen werden (siehe Kasten).

Die sozialistische Demokratie sollte die bürgerliche Demokratie übertreffen. Wo die bürgerliche Demokratie aufhört, geht die sozialistische Demokratie weiter. Sie darf also hinter die bürgerliche Demokratie nicht zurückfallen. Zu den Standards der Demokratie gehört, daß die Regierung vom Volk gewählt wird, dem Volk Rechenschaft schuldet, um das Vertrauen des Volkes bemüht sein muß und dann, wenn sie dieses Vertrauen nicht verdient, abgelöst und durch eine andere Regierung ersetzt werden kann. Das ist der normale Fall. Es fragt sich allerdings, ob dieses Volk, das deutsche, ein normaler Fall ist. Der Gedanke, daß ein Volk, das erst wenige Jahre zuvor zu zwei bis drei Dritteln hinter Hitler hergelaufen ist, mißtrauisch macht und durch nützliches Handeln wenigstens einen Teil des Schadens, den es angerichtet hat, wieder- gutmachen sollte, erscheint mir nicht ganz abwegig. Vertrauen ist gut. Aber Kontrolle ist besser. Das hat Lenin zwar nie gesagt, aber es ist richtig, angesichts der Bilanz von 1945. Zu einem solchen Eingeständnis war auch die SED nicht in der Lage. Sie hatte - glaubte sie - dem Faschismus in Deutschland (Ost) die politisch-ökonomische Grundlage entzogen, und das Sein bestimmt das Bewußtsein. Ja. Aber wie schnell? Schon nach 8 Jahren?

Brechts zweiter Brief an die SED nimmt vorweg, was in dem Buch von Stefan Heym „Sechs Tage im Juni“ ausgeführt wurde: Der 17. Juni hatte einen Doppelcharakter. Die Arbeiter in Berlin (und anderswo) hatten Grund zur Unzufriedenheit. Sie demonstrierten und streikten zurecht. Aber dann mischten sich Provokateure unter die Streikenden. Geheimdienstagenten, Saboteure, Halbstarke und antikommunistische Terrorzirkel nutzten die Gunst der Stunde. Selbstverständlich war es so! Die DDR, in die man durch das Brandenburger Tor einfach so hineinspazieren konnte, war bis zum Mauerbau und danach auch noch ein Tummelplatz von Spionen und Saboteuren, die eines Auftrags der westdeutschen Regierung nicht bedurften, aber immer deren Wohlwollen genossen. Sie handelten ganz im Einklang mit der westlichen Politik im Kalten Krieg, der von der „Eindämmung“ zum „Roll back“ übergegangen war.

Gegenüber der offiziellen Lesart im Westen, wo der 17. Juni als Nationalfeiertag begangen wurde, war die Darstellung in Heyms Buch ein großer Fortschritt. Ja, der 17. Juni hatte auch eine reaktionäre, eine faschistische Dimension. Man muß allerdings bezweifeln, daß es wirklich möglich war, die „berechtigte Unzufriedenheit“ und die Provokateure säuberlich voneinander zu „isolieren“. Man muß bezweifeln, daß die antikommunistischen Hetzparolen den Demonstranten souffliert werden mußten.


Biedermänner als Brandstifter

Am 16. und 17. Juni 1953 haben Aufständische in (Ost-)Berlin und anderen Orten der DDR Geschäfte geplündert und Brände gelegt. Unbeteiligte Passanten - oder auch Mitdemonstranten - wurden grundlos als „Spitzel“ angegriffen - nur, um irgendjemanden zusammenzuschlagen. Es gab Tote und Schwerverletzte. Es wurden - wieder einmal in Deutschland - Bücher verbrannt, Bücher, die von den Brandstiftern nicht verstanden, aber als Werke der Aufklärung sicher identifiziert wurden. Büros der SED gingen in Flammen auf. Dabei kamen Menschen ums Leben, Menschen, die in den Hitler-Tyrannei knapp mit dem Leben davongekommen waren, fielen den Totschlägern des 17. Juni in die Hände. Aus Gefängnissen wurden „politische Gefangene“ befreit: SS-Leute, die wegen schwerster Verbrechen verurteilt worden waren. Ein Polizist wurde, mit einem Seil an einem Auto festgebunden, durch die Straßen zu Tode geschleift. Wer es wagte, sich der wütenden Menge entgegenzustellen, sei es, um zu verhindern, daß Läden geplündert und - wieder einmal in Deutschland - Schaufensterscheiben zerschlagen wurden, hatte Glück, wenn er mit dem Leben davonkam.

Erik Neutsch hat in seinem Buch „Auf der Suche nach Gatt“ diese Auswüchse der „Unzufriedenheit“ geschildert. Neutsch, der mit dem Roman „Spur der Steine“ bekannt wurde, meinte, daß man niemanden überzeugt, indem man schönfärbt. „Auf der Suche nach Gatt“ wurde von der DEFA verfilmt. Aber es dauerte lange, bis der Film in der DDR zu sehen war. Die offizielle Geschichtsschreibung der SED konnte den 17. Juni nicht völlig umgehen, aber im Bewußtsein der Bevölkerung sollte dieses Datum keine große Rolle spielen. 17. Juni? Ja, da war was, aber das war schnell erledigt, kaum der Rede wert. An dieser Beschwichtigung war der SED mehr gelegen als an einer ungeschminkten Darstellung der ganzen Häßlichkeit des „Volksaufstandes“. Auf solche Munition im Klassenkampf verzichtete die Führung der DDR lieber, als zuzugeben, daß es im Jahre 1953 in der DDR Faschisten gegeben hatte.

Die Deutsche Demokratische Republik war auf einem Konsens aufgebaut, den es in Wirklichkeit gar nicht gab. Es gab die fünf Parteien und die vier Massenorganisationen, und da war für jeden was geboten. Sie sind Christ? Für Sie haben wir die CDU. Sie sind ein Kleingewerbetreibender? Gehen Sie in die LDPD. Sie sind junge Wissenschaftlerin? Entscheiden Sie sich zwischen Frauenverband, FDJ und Kulturbund. Bei uns ist wirklich für jeden Platz. Bei einer solchen Konstruktion, die wirklich jedem etwas bot, hatte der Feind gefälligst aus dem Westen zu kommen bzw. aus dem Westen ferngesteuert zu sein. Etwas anderes hatte in der offiziellen Vorstellungswelt der DDR keinen Platz.

Der 17. Juni steht, wie jedes politische Datum, im Kontext mit anderen politischen Stichtagen der deutschen Zeitgeschichte, der 17. Juni mit dem 8. Mai, der 13. August mit dem 30. Januar, der 9. November mit dem 9. November.

Man sollte nicht vergessen, daß es in der DDR (als sie schon keine DDR mehr war) einen zweiten 17. Juni gegeben hat: Das war, als in Rostock das Ausländerwohnheim brannte, eine johlende Menschenmenge die Brandstifter anfeuerte, die Feuerwehr hinderte, einzugreifen, und die Polizei sich mit den Aufständischen tatenlos solidarisierte.

Am 8. Mai 1945 ist im Berlin das Deutsche Reich in den Flammen verbrannt, die deutsche Kriegsverbrecher entzündet hatten. Am 17. Juni 1953 loderten die Flammen wieder auf. Und wieder waren es die Soldaten der Roten Armee, die die Flammen ersticken mußten. Als die T-34-Panzer rollten, waren die Normenerhöhungen längst zurückgezogen. Als die T-34-Panzer rollten, spielte die berechtigte Unzufriedenheit von Bauarbeitern schon keine Rolle mehr. Sondern: Das Volk war aufgestanden, der Sturm losgebrochen. Die Panzer der Roten Armee drückten nieder, was nach 1945 bis in den letzten Winkel der Welt Alarm auslösen muß: einen deutschen Volksaufstand! (Man hätte gewünscht, die Panzer wären auch schon am 9. November 1938 dagewesen). Die Zerschlagung des Umsturzversuchs durch die Soldaten der Roten Armee gehört zu den Großtaten der Weltgeschichte!


Das Einfache, das schwer zu machen ist

In der guten alten Zeit erzählte man sich noch Witze. Einer ging so: Ein Engländer, ein Franzose und ein Deutscher sollen hingerichtet werden. Der Engländer wird gefragt, ob er mit dem Gesicht nach oben oder nach unten unter die Guillotine gelegt werden will. Er entscheidet sich: mit dem Gesicht nach oben. Die Guillotine klemmt, das Fallbeil bleibt stecken, der Engländer wird begnadigt. Der Franzose will mit dem Gesicht nach unten unter die Guillotine gelegt werden. Wieder klemmt das Fallbeil, der Franzose wird begnadigt. Schließlich wird der Deutsche gefragt, wie er unter die Guillotine gelegt werden will. Seine Antwort: „Nach oben, nach unten, das ist doch völlig egal. Aber bringt doch endlich mal euren Apparat in Ordnung!“

Die Schulen sind nicht etwa, wie behauptet wird, Stätten des Wissens. Eher hat man den Eindruck, daß das Gegenteil der Fall ist. Lerneifer und Wißbegierde, jene natürlichen Antriebskräfte des Menschen, sind dem entfremdeten Individuum fast völlig abhanden gekommen. Stattdessen richtet sich der Ehrgeiz der Schüler dorthin, in der Zeit, die sie in der Schule verbringen, möglichst wenig zu lernen, am liebsten gar nichts. Durch den Lehrer, der ihnen Wissen bringen will, fühlen sich die Schüler nicht inspiriert, sondern belästigt. Nichts ist so schwer zu machen, wie den Menschen Licht in das Dunkel ihrer Existenz zu bringen. Und nichts wird so hartnäckig verteidigt wie die Unwissenheit.

Pünktlich zum 50. Jahrestag des Volksaufstandes hat der CDU-Vorsitzende Angela Merkel für die Stahlarbeiter in Deutschland eine Erhöhung der Arbeitsnormen verlangt: Statt die Arbeitszeit in der Stahlindustrie Ost um drei Stunden zu senken, meinte sie, müßte die Arbeitszeit der Stahlindustrie West bei gleichem Lohn um drei Stunden verlängert werden. Mit breiter Zustimmung ist zu rechnen, hingegen nicht mit einem Volksaufstand. Denn in diesem Fall würde der Gewinn aus drei Stunden unbezahlter Mehrarbeit die Profite erhöhen.

Mit solchem Kleckerkram gibt sich die derzeitige Bundesregierung nicht zufrieden. Verglichen mit ihrer „Agenda 2010“ waren die „Normenerhöhungen“ von 1953 ein Klacks.

Wie war das 1953? Es sollte mehr gearbeitet werden zur Steigerung der Produktivität in einer Volkswirtschaft, die den Arbeitern selbst gehörte. Was an Arbeit hineingesteckt werden sollte, wäre ihnen in Form von Wirtschaftskonsolidierung zugute gekommen.

Nehmen wir an, ich hätte eine Firma, aus deren Kasse ich täglich 10 Euro entnehme für meine private Lebenshaltung. Nun stelle ich fest, daß meine Firma zu wenig Kapital hat, daß das Kapital zu langsam akkumuliert und daß es an Eigenmitteln für Investitionen mangelt. Also entnehme ich täglich nur noch 9 Euro. Bin ich dann ärmer? Nein. Aber ich werde reicher.

Die „Agenda 2010“ verlangt von den Rentnern, den Kranken, den Arbeitslosen und den Lohnempfängern Opfer. Dafür bekommen sie nichts. Stattdessen sollen die „Lohnnebenkosten“ sinken, also der Lohn. Den Vorteil haben die, die Lohn zahlen. Wenn schon von „Lohnnebenkosten“ die Rede ist (das ist das, was über den ausbezahlten Nettolohn hinaus zu zahlen ist), dann sollte man auch von „Lohnnebenleistungen“ reden. Das ist das, was der Lohnempfänger über den empfangenen Nettolohn hinaus bekommt: Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung, Krankengeld, Rente.

Deutsche Arbeiter lesen nicht die UZ, nicht die Gewerkschaftszeitung und nicht die Junge Welt, sondern die Bildzeitung. Sie wählen nicht die DKP und nicht die PDS, sondern die SPD und immer mehr auch die CDU. Wenn sie in der Bildzeitung lesen, daß es endlich mit den „Reformen“ vorangehen muß, finden sie das richtig und schimpfen auf die Gewerkschaftsbosse. Es hat sich also wenig geändert: Der deutsche Arbeiter läßt sich nicht so ohne weiteres Normenerhöhungen aufzwingen, sondern nur dann, wenn er selbst nichts davon hat.


Maschin kaputt

Wenn wir uns schon darauf einlassen, den 17. Juni vor dem Hintergrund der Seelenlage des deutschen Menschen zu betrachten, sollten wir vielleicht einen weiteren Aspekt behandeln, von dem bisher noch nie die Rede war: der 17. Juni als ein spezifisch Berliner Phänomen!

Zwar gab es am 17. Juni 1953 auch an anderen Orten der DDR Unruhen. Aber außerhalb Berlins blieben die Provokateure weitgehend isoliert. In der Geschichtsschreibung wird auch unterschlagen, daß in vielen Betrieben in der DDR Arbeiter ihren Betrieb vor „Aufständischen“ verteidigten. Arbeiter haben es nämlich nicht gern, wenn die Maschinen, an denen sie arbeiten, kaputtgemacht werden, egal, wem sie gehören.

In Berlin ticken die Uhren (und die Leute) anders. Der Berliner als solcher ärgert sich gern. Darin unterscheidet er sich von allen anderen Menschen. Während der normale Mensch sich über das, worüber er sich freut, freut, und über das, worüber er sich ärgert, ärgert, ärgert der Berliner sich grundsätzlich über alles. Außerdem ist der Berliner als solcher rätselhafterweise davon überzeugt, daß er Humor hat (so wie der Schwabe glaubt, er wäre fleißig). Wenn der Berliner als solcher merkt, daß seine Uhr richtig geht, wirft er sie gegen die Wand und tritt drauf. Wenn man einen Berliner nach dem Weg fragt, ruft er die Polizei.

Auch die Westberliner durften mal ein bißchen 17. Juni spielen. Das war am 21. Februar 1968. SPD, CDU und DGB veranstalteten eine Anti-Apo-Demonstration mit 80.000 Teilnehmern. Es kam zu pogromartigen Szenen. In unkontrollierter Wut fielen Anti-Apo-Demonstranten über andere Anti-Apo-Demonstranten her. 40 Verletzte. Aufgehetzte Frontstadt-Berliner versuchten, einen unbeteiligten Passanten an Stelle von Rudi Dutschke zu lynchen und griffen ein Polizeiauto an, in dem der Verfolgte Schutz gesucht hatte. Wie durch ein Wunder kam niemand zu Tode.


P.S.: Nach dem 17. Juni „korrigierte“ die SED ihre Politik, indem sie die Politbüromitglieder Zaiser und Herrnstadt absetzte, also genau die, die das ganze Unheil vorausgesehen und davor gewarnt hatten.

P.P.S.: Die UZ fragt: „Warum wird fast 13 Jahre nach dem Anschluß der DDR an die Bundesrepublik noch immer ein solcher propagandistischer Aufwand im Zusammenhang mit diesem Datum betrieben?“ Weil beim „Anschluß“ der DDR die dortigen Brüderundschwestern beschissen wurden. Darum muß man ihnen immer mal wieder ein bißchen Heroismus ums Maul schmieren.

P.P.P.S.: Daß der 17. Juni als Nationalfeiertag abgeschafft und durch den 3. Oktober ersetzt wurde, habe ich bedauert. Zwar hatte der 17. Juni den Nachteil, daß er mit Pfingsten oder Fronleichnam zusammenfallen konnte, und dann hatte man nichts davon. Auf einen Sonntag fallen kann der 3. Oktober auch. Daß die Deutschen durch ihren Hang, den 17. Juni für Ausflüge und Besuche im Freibad zu nutzen, den Gedenktag entweihten, hat mich immer gefreut. Für mich war der 17. Juni immer ein ganz besonderer Feiertag: Zur Erinnerung an die Niederschlagung eines konterrevolutionären Putschs.

P.P.P.P.S.: Wenn damals das Volk die Regierung aufgelöst und eine andere gewählt hätte - na, wie hätte die wohl ausgesehen?


Dokument 1


Bertolt Brecht: Die Lösung


Nach dem Aufstand des 17. Juni

Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands

In der Stalinallee Flugblätter verteilen,

Auf denen zu lesen war, daß das Volk

Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe

Und es nur durch verdoppelte Arbeit

Zurückerobern könne. Wäre es da

Nicht doch einfacher, die Regierung

Löste das Volk auf und

Wählte ein anderes?


Dokument 2


Kuba: Wie ich mich schäme


Maurer - Maler - Zimmerleute.

Sonnengebräunte Gesichter unter weißleinenen Mützen, muskulöse Arme, Nacken - gut durchwachsen, nicht schlecht habt ihr euch in eurer Republik ernährt, man konnte es sehen.

Vierschrötig kamt ihr daher. Ihr setztet euch in Marsch, um dem Ministerium zu sagen, daß etwas nicht stimmt. Es stimmte etwas nicht, nämlich im Lohnbeutel: dagegen setzt man sich zur Wehr, das ist richtig. Dazu hattet ihr euer gutes, durch Gesetze festgelegtes Recht auf freie Meinungsäußerung.

Ein wenig wachsamer hättet ihr zwar sein können. Was hat schließlich ein amerikanisches Auto bei einer Demonstration Berliner Bauarbeiter zu suchen?

Aber sonst? Gut saht ihr aus, besser als die, welche sich unter euch mischten. Die freilich sahen nicht gut aus, reichlich bunt zwar, aber nicht gut!

Sie waren auch viel schlechter genährt als ihr. Halbstarke waren es, mit spitzigen Ellenbögchen, ein häßlicher Anblick - ihr mit denen!

Bis zum Alex waren es die Normen - richtig. Dann aber sagten die anderen einige Dinge, die hätten euch stutzig machen sollen.

Dumme, gefährliche Dinge!

Die Volkspolizei aber ließ euch ziehen. Sicher hätte die Volkspolizei eingreifen können. Schließlich hat sie Waffen! Sie schoß nicht! Warum wohl nicht? Die Volkspolizei, das sind Maurer, Maler, Zimmerleute; Kollege auf Kollege schießen, schlecht wäre das gewesen. Versetzt euch einmal in die Lage eurer Genossen Volkspolizisten: von Halbstarken angegeifert, zwischen solch einer Meute. Eine kleine Bewegung mit dem Zeigefinger hätte genügt, um dem ganzen Schwindel ein jähes Ende zu bereiten. Diese kleine Bewegung mit dem Zeigefinger unterblieb. Unterblieb, nicht weil die Volkspolizei Angst hatte, sondern weil sie sehr, sehr mutig war. Für diesen Mut wird man der Deutschen Volkspolizei künftig nicht nur in Deutschland, sondern überall, wo Menschen wohnen, die den Frieden lieben, sehr dankbar sein.

Der Tischler Walter Ulbricht hatte alle berechtigten Ursachen zum Zorn am Abend vorher beseitigt. Ministerpräsident Grotewohl hatte vor der gesamten Nation offen Rechnung gelegt.

Nur einen Tag lang, nur so lang, wie ein Bierrausch währt, folget ihr einem anderen. Einem Zimmermann, einem von euch, wie ihr glaubtet.

Das war schon ein Zimmermann. Der Hut zünftig! Sammetweste und Jackett. Knöpfe - da war alles dran. Die Hose weit ausladend, wie es sich gehört. Hättet ihr nur unter den Hut geguckt, nur unter den Hut - an der Frisur hättet ihr erkannt, was das für ein Zimmermann war.

Ein Sargmacher führte euch - ein Totengräber.

Als wenn man mit der flachen Hand ein wenig Staub vom Jackett putzt, fegte die Sowjetarmee die Stadt rein.

Zum Kämpfen hat man nur Lust, wenn man Ursache dazu hat, und solche Ursache hattet ihr nicht. Eure schlechten Freunde, das Gesindel von drüben strich auf seinen silbernen Fahrrädern durch die Stadt wie Schwälbchen vor dem Regen.

Dann wurden sie weggefangen.

Ihr aber dürft wie gute Kinder um neun Uhr abends schlafen gehen. Für euch und für den Frieden der Welt wachen die Sowjetarmee und die Kameraden der Deutschen Volkspolizei.

Schämt ihr euch so, wie ich mich schäme?

Da werdet ihr sehr viel und sehr gut mauern und künftig sehr klug handeln müssen, ehe euch diese Schmach vergessen wird.

Zerstörte Häuser reparieren, das ist leicht. Zerstörtes Vertrauen wieder aufrichten ist sehr, sehr schwer.


(Der Arbeiterschriftsteller Kuba, Sekretär des DDR-Schriftstellerverbandes, ließ diesen Text am 17.6.1953 unter den streikenden Arbeitern der Stalinallee verteilen).