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Ausgewählte Beiträge aus dem Satire-Magazin DER METZGER



Lina Ganowski:

Martin Hohmann ist

Ein häßlicher Deutscher


Der Metzger 68 (Dezember 2003)


In dem Film „Nackt unter Wölfen“ kommt eine Szene vor, in der ein SS-Mann der Wachmannschaft des KZ Buchenwald, als sich alles auflöst, sich als Häftling verkleidet. Um nicht als Täter zu Verantwortung gezogen zu werden, will er in die Rolle des Opfers schlüpfen. Die wirklichen Opfer aber wollen diesen Rollentausch nicht dulden.

Die hessische CDU hatte schon immer ein besonderes Verhältnis zu den Juden (siehe DER METZGER 66). Der CDU-Abgeordnete Martin Hohmann hat dieser unseligen Tradition eine neue Abscheulichkeit hinzugefügt, als er am „Tag der deutschen Einheit“ eine Rede hielt. Jetzt kennt man ihn. Vorher kannte man ihn nicht. Als rechten Randgänger hätte man auf ihn längst aufmerksam werden können, etwa, als er sich im Bundestag dafür aussprach, „sich auch für deutsche Zwangsarbeiter einzusetzen, nachdem für ausländische und jüdische Zwangsarbeiter 10 Milliarden DM zur Verfügung gestellt worden“ waren, oder als er verlangte, die „Entschädigungszahlungen nach dem Bundesentschädigungsgesetz, also an - vor allem jüdische - Opfer des Nationalsozialismus, der gesunkenen Leistungsfähigkeit des deutschen Staates anzupassen“. Ein Antisemit also, das ist klar nicht erst seit seiner Rede.

Martin Hohmann, CDU, hielt es nicht für nötig, die Sonntagsreden-Kreide zu fressen, als er sein Manifest des Rechtskonservatismus abließ. Euphemismus ist seine Sache nicht. Vielleicht fehlt ihm dazu auch das Talent. So war seine Rede dem Anlaß angemessen. Der „3. Oktober“ feiert imperialistische Aggressivität, denn er ist der Jahrestag eines imperialistischen Sieges. Der deutsche Nationalfeiertag kann nichts anderes sein als der Feiertag der häßlichen Deutschen.

Und die CDU hatte das Dilemma. Einerseits ist sie auf ihre tapferen Stahlhelmträger angewiesen, um das erzkonservative Wählersegment an sich zu binden. Andererseits ist man gehalten, das Wort „Juden“ möglichst zu vermeiden. Denn - da kann man sicher sein - das gibt immer Scherereien. Der eigentliche Vorwurf, der dem Martin Hohmann aus den eigenen Reihen gemacht wird, dürfte nicht der sein, daß er sagte was er sagte, sondern, daß er offen sagte, was man hinter vorgehaltener Hand ruhig sagen darf.

So richtig zugehört hat man ihm nicht. Das ist für die Wirkung seiner Rede auch nicht wichtig. Das ideale Publikum solcher Reden sind die Leute, die die Hälfte verstehen, aber auf den rechten Weg geführt werden, weil sie ein paar Kernsätze aufschnappen.

Hohmann tippte einige Themen an, bevor er zur Sache kam: straffällige Ausländer, die Alt-68er und die Sozialhilfeempfänger, die ja bekanntlich alle auf Kosten fleißiger Steuerzahler in Florida residieren, weil das Bundessozialhilfegesetz erlaubt, daß „deutsche Staatsbürger auch im Ausland Sozialhilfe erhalten (können), wenn schwerwiegende Umstände einer Rückkehr entgegenstehen“. Daß solche „schwerwiegenden Umstände“ vorliegen, wenn es sich um Opfer des Nazi-Regimes handelt, erwähnte Hohmann nicht.

In der Aufzählung der bösen Geister, die dem deutschen Gemüt Verdruß bereiten, folgen dann unweigerlich die, die mit dem Finger auf uns zeigen, unaufhörlich in der deutschen Vergangenheit herumrühren, und dabei doch selber Dreck am Stecken haben: „Jede andere Nation neigt eher dazu, die dunklen Seiten ihrer Geschichte in ein günstigeres Licht zu rücken. Vor beschämenden Ereignissen werden Sichtschutzblenden aufgestellt. Bei den anderen wird umgedeutet.“ Die Franzosen etwa, meint Hohmann, sollen sich doch selber an die Nase fassen. Aber: „Die Mehrheit französischer und außerfranzösischer Stimmen beschreiben … die Revolution mit ihrem Terror als emanzipatorischen Akt und Napoleon als milden, aufgeklärten Vater des modernen Europa.“ Die Franzosen dürfen sich ihrer Revolution rühmen, und wir müssen uns unseres Dritten Reiches wegen schämen. Die Franzosen dürfen mit ihrem Napoleon angeben, aber wir dürfen nicht stolz sein auf unseren Hitler. Oh ungerechte Welt! „Solche gnädige Neubetrachtung oder Umdeutung wird den Deutschen nicht gestattet. Das verhindert die zur Zeit in Deutschland dominierende politische Klasse und Wissenschaft mit allen Kräften.“

Nachdem der Erbfeind abgehandelt ist, kommt er zum Eigentlichen: „Auf diesem Hintergrund stelle ich die provozierende Frage: Gibt es auch beim jüdischen Volk, das wir ausschließlich in der Opferrolle wahrnehmen, eine dunkle Seite in der neueren Geschichte oder waren Juden ausschließlich die Opfer, die Leidtragenden?“ In der Frage liegt auch schon die Antwort.

Hohmann beruft sich unkritisch auf den „amerikanischen Auto-König“ Henry Ford, einen ausgewiesenen Antisemiten und Hitler-Sympathisanten, der eine „Wesensgleichheit von Judentum und Kommunismus“ ausgemacht hatte. Auch für Hohmann gilt es als ausgemacht, „daß an der Wiege des Kommunismus und Sozialismus jüdische Denker standen. So stammt Karl Marx über beide Eltern von Rabbinern ab“. Er zitiert den Juden Felix Teilhaber, der 1919 sagte: „Der Sozialismus ist eine jüdische Idee - Jahrtausende predigten unsere Weisen den Sozialismus.“ Hohmann liefert die Belege: „Zum siebenköpfigen Politbüro der Bolschewiki gehörten 1917 vier Juden: Leo Trotzki, Leo Kamenjew, Grigori Sinowjew und Grigori Sokolnikow… Unter den 21 Mitgliedern des revolutionären Zentralkomitees in Rußland waren 1917 6 der jüdischen Nationalität an, also 28,6 %. Der überaus hohe Anteil von Juden bei den kommunistischen Gründervätern und den revolutionären Gremien beschränkte sich keineswegs auf die Sowjetunion. Auch Ferdinand Lassalle war Jude ebenso wie Eduard Bernstein und Rosa Luxemburg. 1924 waren von sechs KP-Führern in Deutschland vier und damit zwei Drittel jüdisch… Von 48 Volkskommissaren in Ungarn waren 30 jüdisch gewesen. Aber auch bei der revolutionären sowjetischen Geheimpolizei, der Tscheka, waren die jüdischen Anteile außergewöhnlich hoch… Nicht zu vergessen die Münchner Räterepublik: Kurt Eisner, Eugen Leviné, Tobias Achselrod und andere Juden waren hier als unbestrittene Führungspersönlichkeiten tätig.“ Wie Kurt Eisner und Eugen Leviné ums Leben kamen, erwähnt Hohmann nicht.

Sein Fazit: „Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als 'Tätervolk' bezeichnen… Es würde … der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet… Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir haben also gesehen, daß der Vorwurf an die Deutschen schlechthin, 'Tätervolk' zu sein, … unberechtigt ist.“

Hohmanns Anliegen ist die Exkulpierung der Deutschen per Kuhhandel: Wenn ihr Franzosen uns Oradour verzeiht, dürft ihr uns um Verzeihung bitten für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Wenn ihr Juden uns Auschwitz verzeiht, dürft ihr uns um Verzeihung bitten für den Sturz des Zaren. Daß diese demütige Bitte nicht erfüllt werden kann, ist klar: Schließlich ist - so denkt es in ihm - die Idee der Gleichheit viel schlimmer als die Shoah und ein Weltkrieg nicht so schlimm wie eine Bodenreform.

Was Hohmann sagt: Die Juden sind unser Unglück, und das Unglück heißt Bolschewismus. Er zeigt mit dem Finger auf eine Schande, die keine Schande ist: „daß an der Wiege des Kommunismus und Sozialismus jüdische Denker standen.“ Indem er die „Wesensgleichheit von Judentum und Kommunismus“ beweisen will, beweist er etwas anderes: daß Antisemitismus und Antikommunismus aus derselben Ecke kommen.

Hohmann sprach im Konjunktiv. Man könnte die Juden als Tätervolk bezeichnen. Das würde der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet. Das soll heißen: Die Deutschen sind auch nicht mehr Täter und nicht weniger Opfer als die Juden. Denn, so Hohmann im Indikativ: „Daher sind weder 'die Deutschen', noch 'die Juden' ein Tätervolk.“

Wenn nun aber die Mörder mit ihren Opfern gleichgeschaltet sind, wo ist denn das Reich des Bösen, das das Deutsche Reich wohl nicht gewesen sein kann? Auch darauf fällt Hohmann die Antwort ein: „Die Juden, die sich dem Bolschewismus und der Revolution verschrieben hatten, hatten zuvor ihre religiösen Bindungen gekappt. Sie waren nach Herkunft und Erziehung Juden, von ihrer Weltanschauung her aber meist glühende Hasser jeglicher Religion. Ähnliches galt für die Nationalsozialisten. Die meisten von ihnen entstammten einem christlichen Elternhaus. Sie hatten aber ihre Religion abgelegt… Verbindendes Element des Bolschewismus und des Nationalsozialismus war also … die Gottlosigkeit… Mit vollem Recht … kann man sagen: Die Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien, sie waren das Tätervolk des letzten, blutigen Jahrhunderts.“

Exkulpierung gelungen: die wahren Verbrecher sind die, die Sonntags nicht in die Kirche gehen.