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Ausgewählte Beiträge aus dem Satire-Magazin DER METZGER


Helmut Loeven:

Der geht ja mit Weiber!


(Der Metzger Nr. 71, Oktober 2004)


Als ich zur Volksschule ging, tat ich etwas Ungeheuerliches: Ich habe mich mit einem Mädchen angefreundet. Wir hatten nämlich ein gutes Stück des Schulwegs gemeinsam. Also gingen wir ihn auch gemeinsam. Das wäre schon schlimm genug gewesen. Aber wir haben auch ganze Nachmittage miteinander verbracht. Wir waren 9 Jahre alt. Sie hieß Sylvia. Sie war davon überzeugt, daß ich einmal etwas ganz Besonderes werde, und sie fand, daß ich nicht so bin wie die anderen. Ich erinnere mich, wieviel Phantasie sie hatte, und wie hübsch sie war. Auch sie muß etwas ganz Besonderes geworden sein: eine wirkliche Schönheit. Aber das habe ich nicht mehr erlebt. Ich weiß nicht mehr, wie wir uns aus den Augen verloren haben.

Es war, wie gesagt, ungeheuerlich. „Hu äh! Der geht ja mit Weiber!“ hörte ich die Stimmen meiner Klassenkameraden uns hinterherrufen. Guckt mal! Unfaßbar! Der schreckt vor nichts zurück! Wie kann man nur!

Das gehörte sich nicht. Man hatte nicht „mit Weiber“ zu gehen. Die Klassenkameraden wollten wissen, ob wir uns küssen. In der Frage klangen unausgesprochen mit die Worte „sogar“ oder „etwa auch“. Man traute uns alles zu. Ja, wir haben uns geküßt. Und ich durfte ihr auf den Po hauen. Das haben wir denen aber nicht gesagt.

Die Mädchen hießen einfach nur „die Weiber“. Das war so abwertend gemeint wie es klang. Denn die Jungens hatten von den Mädchen keine gute Meinung. Die Begründung lautete: „Die Weiber die sind ja so doo-o-oof!“

Die Mädchen jener Jahre waren ihrerseits auf die Jungens nicht gut zu sprechen, und sie wußten warum: „Die Jungens die sind ja so doo-o-oof!“

Hätte man die Jungens gefragt, warum sie die „Weiber“ doo-o-oof fanden, hätten sie gesagt: „Die sind ja so doo-o-oof!“ Hätte man die Mädchen gefragt, warum sie die Jungens doo-o-oof fanden, hätten sie gesagt: „Die sind ja so doo-o-oof!“

„Die Weiber sind ja so doo-o-oof!“

„Die Jungens sind ja so doo-o-oof!“

„Doo-o-oof!“

„Doo-o-oof!“

Ein höheres Niveau hat der „Kampf der Geschlechter“ nie erreicht.


Wer sich in dem Alter zu einer diversifizierteren Weltbetrachtung durchringen konnte, gewann ein etwas differenzierteres Bild: Daß es zwei Sorten Mädchen gibt: zum einen die Heulsusen und Petzen, zum anderen die, mit denen man wirklich was anfangen kann. Mit wachsender Erfahrung kam ich zu der Erkenntnis, daß diese Einteilung nicht nur auf Mädchen im Grundschulalter zutrifft, sondern auf das ganze weibliche Geschlecht. Wen man im Grundschulalter als Heulsuse und Petze erlebt hat, erlebt man später als keifenden Hausdrachen, als prüde Zicke, als hochnäsige Gattin eines hochgestellten Pantoffelhelden, als mißgünstige Klatschtante, als vom Leben enttäuschte Matrone, als eifersüchtiges Schrapnell beziehungsweise als Tante, die auf dem Sofa sitzt und übelnimmt. Und zum anderen: die, mit denen man wirklich was anfangen kann: die Klassefrauen.

Ich sage das nicht, um anzugeben, sondern aus Dankbarkeit: Ich habe die einen stets gemieden und mich nur den anderen zugewandt. Alle, die mir nahe waren, Geliebte, Gefährtinnen, Freundinnen - oder die Gespielinnen, mit denen ich ohne Treueschwur, aber niemals ohne Zuneigung „nur“ der Lust wegen verbunden war: sie alle hatten große Klasse, ausnahmslos. Sie alle ragten heraus wie ein Rennpferd unter lauter Salatschnecken, und fast ausschließlich ihnen verdanke ich, daß ein Mensch aus mir geworden ist, dank ihrer überragenden Intelligenz, ihres rebellischen Geistes, ihrer Courage, ihrer amoralischen Sinnlichkeit, ihres Gerechtigkeitsgefühls, ihrer Ehrlichkeit, ihrer Menschlichkeit und ihrer Ebenbürtigkeit. Ihre Klugheit hat sie unausweichlich in Konflikt mit den bestehenden Verhältnissen gebracht, ihnen keine andere Wahl gelassen, als den Zwängen, die ihnen auferlegt wurden und die nicht einsehbar sind, zu widerstehen. Wäre nicht so viel Mißverständnis in das Wort hineingeschwafelt worden, könnte man sagen: sie waren emanzipiert. Das ja. Aber Emanzen waren sie nicht.


Wenn die Emanze gehört zu der anderen Kategorie. Man meide sie wie die Heulsuse und Petze, wie den keifenden Hausdrachen, wie die prüde Zicke, wie die hochnäsige Gattin, wie die mißgünstige Klatschtante, wie die vom Leben enttäuschte Matrone, wie das eifersüchtige Schrapnell, wie die Tante, die auf dem Sofa sitzt und übelnimmt. Denn sie ist Fleisch von ihrem Fleische. Sie keift, ist hochnäsig, mißgünstig, eifersüchtig und prüde, mißtrauisch und grundätzlich schlecht gelaunt. Übelnehmen ist ihre Lieblingsbeschäftigung. Sie unterscheidet sich von den anderen Petzen, Heulsusen, Hausdrachen, Zicken, Gattinnen, Klatschtanten, Matronen, Schrapnells und Tanten dadurch, daß ihr Gekeife, ihre Hochnäsigkeit, ihre Mißgunst, ihre Eifersucht, ihr Übelnehmen und ihre Prüderie in den Dienst einer höheren Sache gestellt sind. Die höhere Sache liefert ihnen die Rechtfertigung für all ihre Gehässigkeiten. Unter dem Schutz des Postulats „Das Private ist politisch“ kann man sich so schön in anderer Leuts Privatangelegenheiten einmischen. Unter dem Schirm der höheren Sache kann man ungestraft über andere Menschen abwertende Urteile verkünden, denunzieren, anprangern, abweichendes Verhalten geißeln, Anpassung verlangen. Unter dem Vorwand des hehren Ziels wird Mißgunst zum Auftrag, Prüderie zur Heldentat, Uneinsichtigkeit zur Standhaftigkeit, Übelnehmen zur Tugend, die Xantippe zum Idol - und Zweifel zum Verrat.


Es ist Mimikri, die Inszenierung schlechter Angewohnheiten als Interessenpolitik, ein Täuschungsmanöver, das vor allem der Selbsttäuschung dient: das zelebrierte, geschauspielerte, vor dem Spiegel eingeübte Powergetue.

Mit Interessenpolitik hat das nichts zu tun, schon gar nichts mit Emanzipation, und auch keine Solidarität für Frauen steckt dahinter, sondern simpler Haß auf Männer.

Das kommt übrigens gut: Willst du eine Emanze ärgern, mußt du ihr nur sagen, daß sie doch bloß eine Männerhasserin ist. Ich habe das kürzlich in einem Internetforum gelesen. Auf ein von maßlosem Haß triefendes Elaborat wurde geantwortet, die Verfasserin sei doch bloß eine Männerhasserin. Das zog einen Anfall von Empörung nach sich. „Männerhasserin? Ich?? Sowas kann auch nur ein Mann behaupten!“ Genauso, wie jeder Stammtischdemagoge beteuern wird, daß er doch überhaupt nichts gegen Ausländer hat.

Aber es ist schon seltsam. Da werden Pamphlete verfaßt, daß die ganze linke Bewegung eine chauvinistische Männerverschwörung ist, und dann werde ich ganz treuherzig gebeten, das Pamphlet in meinem linken Buchladen zu verbreiten. Da werden Pamphlete verfaßt, daß die ganze linke Bewegung eine chauvinistische Männerverschwörung ist, und dann werde ich ganz treuherzig gebeten, das Pamphlet in meinem linken Blättchen abzudrucken. Oft klappt sowas ja. Bei mir aber nicht. Eine Delegation eines Frauenzentrums sprach bei mir vor, damit ich ihr Pamphlet in meinem Laden auslege. Ich antwortete, das sei nur dann möglich, wenn meine Zeitung in ihrem Frauenzentrum ausgelegt wird. Da fielen die aus allen Wolken. Damit hatten die nun überhaupt nicht gerechnet.

Die wollen ernstgenommen werden, und sie fürchten sich davor, beim Wort genommen zu werden. Sie wollen, daß ich vor Schreck vor ihnen erstarre, und sie wollen doch auch liebgehabt werden.

Die Widersprüchlichkeit dieses Bewußtseins und Verhaltens wird verständlich, wenn man bedenkt, an welchem sozialen Ort diese Ideologie sich herausgebildet hat. Es ist das kleinbürgerliche Milieu Höherer Töchter, die das Privileg genießen, von den Notwendigkeiten der materiellen Realität abgeschirmt zu bleiben, und die sich infolgedessen einbilden, das Leben anhand von Schulweisheiten erklären zu können. Das Männerbild der kleinbürgerlich-alternativen Frauenbewegung entspricht präzise dem Männerbild, das sich bei Mädchen in der Vorpubertät herausbildet. Von Männern wissen sie so gut wie nichts, denn die herumprahlenden, herumschwadronierenden, herumtönenden Jüngskes ihres Alters geben keinen Aufschluß. Der einzige Mann, den sie einigermaßen kennen, ist der Vater. Der ist immer noch mächtig, aber vor dem Auge der Vorpubertierenden hat das Bild seiner Untadeligkeit und Unfehlbarkeit schon Risse bekommen, vor allem dadurch, daß er die maßlosen und selbstsüchtigen Wünsche der verhaltensgestörten Tochter entweder gar nicht oder nicht schnell genug erfüllt. Er setzt der Unverstandenen Grenzen. Und dann ist er noch (Ödipus! Ödipus!) so nah und so unerreichbar fern zugleich - und fertig ist das Sammelsurium von heftigen, widersprüchlichen Gefühlen. So wie das Selbstbild changiert zwischen Selbstüberschätzung und dem Empfinden, ein häßliches Entlein zu sein, erscheint der Mann als Trottel und Weltzerstörer in einer Person. Und (wie es Katharina Rutschky mal formulierte) alle Emmas treffen sich an einem Ort, wo sie ewig 12 Jahre alt sind.

Dort sind sie sich darin einig, daß die Tatsache, daß keine von ihnen von einem Märchenprinzen auf Händen herumgetragen wird, das Resultat einer weltumspannden Männerverschwörung ist.

Nichts gegen pubertierende Mädchen (solange man sich von ihnen fernhalten kann). Sie können wohl nichts dafür. Aber alle Polemik und alle Ablehnung denen, die die Pubertät perpetuieren, die mit 20 schon Matronen sind und mit 40 sich noch unreif benehmen. Ja, es gibt Frauen, die auch mit 40 noch den Charme eines Teenagers haben, aber die meine ich nicht. Denn nur mit wachsender Lebens-Reife kann dieser Charme lebendig bleiben. Die Klassefrauen haben alle das Mädchenhafte in sich bewahrt, aber eben darum, weil sie nicht unreif geblieben sind. Ich meine die, die (wie Uli Becker es mal formulierte) es für das letzte Refugium der Weiblichkeit halten, wenn sie die Abseitsregel beim Fußball nicht verstehen. Die erwarten, daß man ihnen die Tür aufhält, und meinen, infolgedessen nicht wissen zu müssen, wie man eine Tür aufmacht.


Unter vernünftigen, aufgeklärten, human denkenden und gerecht empfindenen Menschen kann es über die Gleichwertigkeit der Geschlechter keine Meinungsverschiedenheiten geben. Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich, daß die Frau dem Manne ebenbürtig ist. Ein Mann könnte das Rad erfunden haben - er wäre der größte Dummkopf, wenn er sich der Erkenntnis von der Gleichwertigkeit der Geschlechter verschließt. Daß mit der Gleichstellung der Geschlechter ihre Verschiedenheit aufgehoben wird, ist allerdings eine gar zu einfältige Vorstellung. Die Geschlechter sind gleichwertig, aber nicht beliebig austauschbar. Die Verschiedenheit der Geschlechter ist unaufhebar, aber rechtfertigt keine Rangabstufung.

Solange Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft (also: aufgrund ihrer Geburt) benachteiligt sind, ist der Mensch in seiner Würde verletzt. Solange irgendein Mensch aufgrund seiner Geburt herabgesetzt ist, lebt die Menschheit in einem unwürdigen Zustand. Die gesellschaftliche Benachteiligung der Frauen beleidigt die Frauen, und sie beleidigt alle, die die Frauen lieben. Sie beleidigt den Menschen.

Die Freiheit ist keine einfache Sache, und die Befreiung („Emanzipation“) noch viel weniger. Sie wird von denen am meisten gefürchtet, für die das Denken mit dem eigenen Kopp die größte aller Unbequemlichkeiten ist. Die Ebenbürtigkeit ist zuallererst ein an die Ebenbürtigen gerichteter Anspruch. Die Ebenbürtigkeit ist gewissermaßen von der Natur gewollt. Sie ist nicht etwas, was der Mann der Frau gewähren kann, wohl aber etwas, was er von ihr verlangen darf.

Emanzipation kann erst anfangen, wenn die Phrase aufhört. Sie kann nicht anfangen, wenn die Phrase dem Gedanken das Wort abschneidet.


Die kleinbürgerlich-alternative Frauenbewegung hat sich für die Kernfrage, die gesellschaftliche Stellung der Frau, anscheinend nie interessiert. Stattdessen ging es um so fundamentale Daseinsangelegenheiten wie die korrekte Haltung beim Urinieren oder das große I. Im Beziehungsknatsch haben beziehungsunfähige Leute ihr gemeinsam verplempertes Leben sich gegenseitig zum Vorwurf gemacht. Die Selbstzeugnisse des kleinbürgerlich-akternativen Vulgärfeminismus sind von einer erschütternden Banaliät. In der eindimensionalen Formel „Die dürfen alles und wir dürfen garnix“ ist nicht eine Spur von einem Verlangen nach Gerechtigkeit auszumachen. (Wäre es umgekehrt, wäre die Welt in Ordnung).

Einem Witz aus dem Milieu müßte man den Bart abrasieren und ihn heute so erzählen: Es gibt zwei unumstößliche Wahrheiten: 1. Die Erde ist eine Scheibe, 2. Frauen gemeinsam sind stark.

Die allgemeine Lebenserfahrung lehrt, daß Frauen mit Männern viel besser zurechtkommen als miteinander. Mann & Frau ist die beste Kombination, die et gippt. Wat besseres gippt et nich. Mann & Frau, das ist stärker als Sonne & Mond, Tünnes & Schäl, Blohm & Voss, Donner & Doria, Dick & Doof, Dietrich & Hermann!

Die von der alternativen Frauenbewegung propagierte Schwesterlichkeit ist eine Selbsttäuschung, die sich in einem fort selbst übertönen muß. Der grobschlächtige weibliche Chauvinismus, die dampfende Frauenkameradschaft hat gerdewegs ins Militär geführt.

Die kleinbürgerlich-alternative Frauenbewegung hat sich verirrt und ist auf dem Kasernenhof angekommen. Sie ist genauso gescheitert wie die kleinbürgerlich-alternative Linke, aus der sie hervorgegangen ist und aus der sie nie verstoßen wurde. Das Milieu kann die pseudo-revolutionären Phrasen, mit denen es aufbrach, selbst nicht mehr hören. „Ich habe Drachen gesät und Flöhe geerntet“, meinte Karl Marx. Als Amazone geschienen, als Emanze erwiesen. Als Revoluzzer begonnen, als Grüner geendet. Als Tiger losgesprungen, als Bettvorleger gelandet.


Revolutionen haben anscheinend ihre fatalen Entwicklungsgesetze, und zwar auch dann, wenn sie gar nicht stattfinden. Erst kommen die Revolutionäre, dann kommen die Revolutionswächter, erst die Befreiung, dann die Kontrolle. Aber auch diese Phase ist vorbei, und danach kommt die Jeunesse dorée, die mit elitären und reaktionären Provokationen kokettiert und die Nähe zur Macht sucht. Die Forderung, den Dienst in den imperialistischen Armeen auch Frauen zugänglich zu machen, diese unverschämteste Provokation der letzten Jahrzehnte, war nichts anderes als Koketterie: Seht her, wie weit wir uns den Mächtigen angenähert haben.

Das Milieu könnte seinen neuesten Slogan der Radiowerbung entnehmen: „Wenn ich groß bin möchte ich auch Spießer werden.“