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Ausgewählte Beiträge aus dem Satire-Magazin DER METZGER


Helmut Loeven:

Die Alleen entlang
oder Über den Zusammenhang von Liebe und Städtebau


(Der Metzger 75 – November 2005)


Wie Sie wissen, gehe ich gern spazieren. Das ist eine Tätigkeit, bei der man viel beobachten kann und wenig beobachtet wird. Dabei habe ich meine Gewohnheiten. Zum Beispiel gehe ich immer im Frühsommer an einem Samstagnachmittag die Sittardsberger Allee entlang. In einem Jahr gehe ich auf der einen, im anderen Jahr auf der anderen Seite, aber immer in dieselbe Richtung, und zwar von Nordosten nach Südwesten. Wenn man von der Wedauer Straße aus in den Wald geht, gelangt man irgendwann zu der Stelle, wo die Sittardsberger Allee beginnt. Sie ist schnurgerade und zweieinhalb Kilometer lang und endet am Sittardsberg, von wo man mit der Straßenbahn wieder in die urbaneren Gegenden zurückfahren kann. Diese mit alten Bäumen flankierte Straße führt mittenmang durch Buchholz im ländlich-sittlichen katholischen Duisburger Süden. Das ist fast schon nicht mehr Ruhrgebiet, sondern fast schon Rheinland.

Ich habe diese Route für den Spaziergang an einem Samstagnachmittag, dieses Jahr im Spätsommer, gewählt, weil ich in diesem Stadtteil meine Kindheit verbrachte. Hier ging ich zur Schule und lernte Schreiben. In manchen der alten Häuser, die ich passiere, bin ich mal gewesen. Es hat sich hier wenig verändert. In den Gärten hinter den Häusern stehen noch viele Obstbäume. Nur wenige Gärten sind mit Blautannen und dergleichen sterilisiert worden. Auf der Chaussee fahren nur wenige Autos. Man könnte fast auf der Straßenmitte gehen.

Ich suche gern Orte auf, die ich „von früher kenne“. Das ist viel interessanter als neue Orte zu erforschen. Neue Orte sieht man nur so, wie sie sind. Bekannte Orte sieht man, wie sie sich entwickelt haben. Hier kann ich zugleich beobachten und wiedererkennen. Diese Kombination verschafft mir eine enorme „geistige Bewegungsfreiheit“, einen unwiderstehlichen Kreativitätsdrang, einen Fluß von Erinnerungen und Assoziationen. Nichts lenkt mich ab, alles lenkt mich hin. Es drängt mich dann an den Schreibtisch.

Ich fürchte, der Radius, den ich mir heute erschließe, wird mir nicht viel nützen. Wenn ich nach Hause komme, werde ich mich mit dem Jahresabschluß für das letzte Jahr beschäftigen müssen – für die Steuererklärung, die ich schon vor Monaten hätte abgeben müssen. Da sitze ich die ganze Nacht bis in den frühen Sonntagmorgen über langen Kolonnen kleiner Zahlen, und habe danach das Empfinden, nichts getan zu haben. Vergeudete Zeit reut einen am Samstag noch mehr als sonst. Das ist so, als würde Katarina Witt vor der schönsten, herrlichsten Eisbahn aller Zeiten stehen und denken: hier, auf dieser schönsten, herrlichsten Eisbahn aller Zeiten würde mir der dreifache Rittberger gelingen – und sie hat keine Schlittschuhe dabei. Statt eine Kür zu laufen muß sie Interviews geben und dumme Fragen beantworten – so wie ich keine Kür schreiben kann, sondern die dummen Fragen des Finanzamtes beantworten muß. Wieviel Geld haben andere Leute mir am 31. Dezember des vergangenen Jahres geschuldet? Das wollen die wissen, und ich muß es ausrechnen.

Bevor ich die Straßenbahnstation erreiche, von wo ich wieder in die urbaneren Gegenden zurückfahren kann, biege ich nach links ab und gehe die Lüderitzallee entlang. Das hört sich schrecklich an. Hier haben alle Straßen solche schrecklichen Namen. Windhuker Straße, Swakopmunder Straße, Togostraße, Daressalamstraße – sogar Waterbergstraße. Man nennt dieses Viertel die „Afrikasiedlung“. Man geht durch eine „Siedlung im Grünen“, die in den 20er Jahren gebaut wurde. Nach den verlorenen Ersten Weltkrieg mußten die Straßen das deutsche Kolonialreich hochleben lassen. Nach dem nächsten verlorenen Krieg wurden Aussiedler aus dem Osten in der Afrikasiedlung untergebracht. Danach bildete sich um die Afrikasiedlung ein Kranz von Reihenhäusern für die Bausparer. Das war der Bauboom der 60er Jahre.

Von der Lüderitzallee sieht man immer noch in diesen verwinkelten Hinterhof der Firma Walter Heinz Ostasienimporte. Wahrscheinlich hat diese Firma in diesem verschlafenen Viertel einfach vergessen, Pleite zu gehen. Hier kaufte ich vor Jahrzehnten Ostasienkitsch ein, den ich mit „Obelix“ Ripperger auf der Straße an Passanten verkaufte. Die fanden den Hippie-Kram exotisch und zahlten die Preise, die wir verlangten. Das war die mühevolle Auflehnung gegen die Unsicherheit der Existenz. Der Inhaber dieser Kitsch-Import-Firma, ein dicker Choleriker, ließ manchmal durchblicken, daß er von der geschäftlichen Verbindung mit mir die Vermittlung von Bekanntschaften mit Hippie-Mädchen erwartete, die ihn über die Unruhe des Daseins sanft hinweghelfen sollten. Damit konnte ich dem Mann nicht dienen.

Komischerweise war immer, wenn ich den cholerischen Kitsch-Importeur aufsuchte, trübes, regnerisches Wetter, und ich wurde jedesmal von einer Melancholie ergriffen. Denn ich suchte einen Ort der Vergangenheit auf, die voller Unerfülltheit war.

Der Gymnasiast ging die Lüderitzallee entlang. Er „wandelte auf Freiersfüßen“, wie es so blöd heißt. Nachdem er die Siedlung im Grünen aus den 20er Jahren durchquert hatte, kam das bombastische Gebäude aus den 50er Jahren zum Vorschein, wohin ihn sein Weg führte. Schon damals hatte man keine Häuser mehr gebaut, sondern „Wohnanlagen“, Lagerraum für die Ware Arbeitskraft nebst ihrem familiären Anhang. Das Gebäude am Ende der Straße, die auch hier noch „Allee“ genannt wurde, glich einem Hochhaus, das man aber nicht hingestellt, sondern hingelegt hatte. Der breite Quader hatte mehrere Eingänge. Es war November 1967, und er glaubte, hier ist das ganze Jahr November.

Die junge Dame hatte er auf einer Party kennengelernt. Die fand in irgendeinem Zimmer mit gedämpfter Beleuchtung statt. Joachim Barg, der Mann, der stets Anzug und Krawatte trug und der großen Verweigerung einen Hauch von Eleganz zu verleihen vermochte (siehe DER METZGER 68), hatte einen Partygast hingebracht und abgeliefert und war kurz reingekommen und stellte entsetzt fest: „Es sind ja zu wenig Frauen hier!“ Er entfernte sich, versprach aber, in etwa einer Stunde wiederzukommen und ein paar Frauen mitzubringen – irgendwo würde er schon welche auftreiben. Der junge Mann wunderte sich sehr. Er war sich nicht sicher, ob er es jemals über sich bringen würde, eine junge Dame anzusprechen. Und der da sagte einfach so: „In einer Stunde komm ich wieder und liefere euch ein paar Frauen ab.“

Als dann in der Tat eine Stunde später die Geschlechterparität, die für das Gelingen der Party von entscheidender Wichtigkeit war, hergestellt wurde, wurde ihm eine sehr hübsche Blonde namens Helga zugeteilt. Und dann wurde geknutscht. Als die Musik zu Ende war, wurde keine neue Platte aufgelegt; es wurde nur noch geknutscht und geknutscht und gefummelt, und die Hände waren überall, und es umschwänzelten einander die Zungen.

Der junge Mann, der Siebzehnjährige, geriet in den Tagen und Wochen danach in ein heftiges Gefühlschaos. Hatte er sich verlieben dürfen? Erst viele Jahre später entdeckte er sich in dem traurigen Gedicht des großen B.B.:

Wir waren miteinander nicht befreundet

Doch hatten wir einander beigewohnt

Als wir einander in den Armen lagen

Waren wir uns fremder als der Mond

Und träfen wir uns morgen auf dem Markt

Wir würden uns um ein paar Fische schlagen

Wir waren miteinander nicht befreundet

Als wir einander in den Armen lagen.

Es war ja richtig, daß es ein großes Fühlen war, aber kein langes. Nachdem sie einander in den Armen gelegen hatten, begegnete sie ihm, als hätten sie sich nie gekannt. Bei der nächsten Party knutschte man eben mit einer anderen. So war das. Und so ging das. Das hätte er wissen müssen.

Das Haus am Ende der Straße, die auch hier noch „Allee“ heißt, hat sich, betrachtet man es näher, verändert. Die Hauseingänge sind verdreckt und beschmiert, die Namen an den Türklingeln sind unleserlich, die Klingeln selbst halb abgerissen. Wer hier wohnt, will hier nicht bleiben und wohnt bald vielleicht noch unwirtlicher. „Was wir heute bauen sind die Slums von morgen“ hat Mitscherlich gesagt, als diese Anlagen gebaut wurden. Und da man aus Schaden nicht klug wird, am wenigsten aus dem Schaden, den man anderen zufügt, hat man in der Folgezeit noch weitere solche Kästen hier hingeklotzt.

Der junge Mann, dem ein heftiges, aber kurzes Glück beschieden worden war, hatte bald den Eindruck, daß die andere, die der Kavalier mit der Krawatte abgeliefert hatte, besser zu ihm gepaßt hätte. Denn sie war stärker. Gisela hatte eine dunkle, rauchige Stimme und war von herber, herausfordernder Sinnlichkeit. Sie verstand alles sofort. Sie war spitz und spöttisch, ihr respektloser Humor ging oft in bitteren Sarkasmus über. Sie lachte wenig und fand alles komisch.

Im November und in den Wintermonaten besuchte er sie oft, um sich über die Unruhe des Daseins sanft hinweghelfen zu lassen. Das tat sie auch. Sie küßte ihn.

Er gehörte zur Theatergruppe seiner Schule. An einem Abend mußte er zur Theaterprobe. Sie sagte: „Du gehst jetzt nicht zur Theaterprobe. Du bleibst jetzt hier.“

„Ich muß zu dieser Theaterprobe.“

„Ich habe gesagt: Du gehst da nicht hin. Du bleibst bei mir.“

Gisela hatte die Idee, er solle „in die Politik gehen, Politiker werden“. Er aber meinte, er wolle doch lieber „Künstler sein, Schriftsteller“. Sie meinte, das würde auch gut zu ihm passen. Und was würde sie werden? Darüber dachte sie gar nicht gerne nach. „Laß uns nicht drüber reden. Komm.“

Manchmal, wenn Schritte in der Diele zu hören waren, fuhren sie erschreckt hoch. Die Tür hätte aufgehen können.

Die Tür ging nie auf. Niemand störte sie. Aber sie waren nicht sicher.

Sie hatte einen schönen, kleinen, sehr wohlgeformten und sehr beweglichen Hintern. Entschlossen und fordernd lenkte sie seine Aufmerksamkeit darauf. Wenn sie nicht allein waren, schaute er nur heimlich dort hin. Er wäre rot geworden, wenn man ihn beim Genießen erwischt hätte.

So standen wir mitten in der Sexuellen Revolution, als ihre verstörten, unsicheren Vorkämpfer.