WB-Logo

Buchhandlung Weltbühne
Stand: 1.2.2007

Inhalt und Impressum Chronik der Änderungen Vorwort Ladenlokal Lieferbedingungen
Neu eingetroffen Verlagsneue Bücher Ohrauf: CDs und Cassetten Videos und DVDs
Antiquariats-Liste Antiquariat Spezial Antiquariat Abkürzungen
Der fliegende Koffer Situationspostkarten Boudoir
METZGER-Index METZGER-Archiv METZGER-Glossar
Bücher von Helmut Loeven
Amore e rabbia
Weblog von Helmut Loeven

Externe Links:A.S.H. Pelikan
Hafenstadt-BlogMarvin ChladaDFG-VK Duisburg

Metzger-Archiv

Ausgewählte Beiträge aus dem Satire-Magazin DER METZGER


Renate König:

Morden für die Ehre


(Der Metzger 75 – November 2005)


In Berlin wurde der Prozeß gegen drei junge Männer eröffnet. Die drei Brüder, die aus der Türkei stammen, sind angeklagt, ihre Schwester Hatun Sürücü getötet zu haben. Der jüngste der Angeklagten, Ayhan (19) hat die Tat gestanden. Er habe seine Schwester getötet, weil er ihren „Lebenswandel“ und ihre „Moralvorstellungen“ „nicht akzeptiert“ habe. Ein anderer ihrer Brüder wurde in der türkischen Zeitung Zaman zitiert: „Meine Schwester hat begonnen, wie eine Fremde zu leben. Sie hat sich einen eigenen Freundeskreis aufgebaut. Sie sagte, sie wollte ihren Partner selbst aussuchen.“

Als die junge Frau 15 Jahre alt war, wurde sie, ohne um ihr Einverständnis gefragt worden zu sein, in der Türkei mit ihrem Cousin verheiratet. Sie kehrte bald darauf allein nach Berlin zurück und brachte dort ein Kind zur Welt. Sie weigerte sich, in die Türkei zurückzukehren und lebte getrennt von ihrer Familie. Sie begann eine Ausbildung als Elektrikerin. Das war ihr „Lebenswandel“, der ihre Familie so sehr aufbrachte, daß sie sie mit drei Kopfschüssen tötete.

Der jüngste Bruder gab vor Gericht an, die Tat allein begangen zu haben. Vermutlich spekuliert er darauf, nach Jugendstrafrecht mit einem milden Urteil davonzukommen, während seine älteren Brüder mit einem härteren Urteil rechnen müßten.

Die Tragödie, die für Hatun Sürücü mit dem Tod endete, ist kein Einzelfall.

Allein in Berlin wurden innerhalb von zwölf Monaten fünf Frauen aus Migrantenfamilien von Ehemännern oder Verwandten getötet, weil sie sich dem traditionellen islamischen Lebensstil entzogen hatten. Für die Jahre 1996 bis 2004 dokumentierte die Berliner Kriseneinrichtung für junge Migrantinnen „Papatya“ 45 „Ehrenmorde“ in Deutschland. Diese Kapitalverbrechen erhellen die alltägliche Lebenssituation junger Frauen, die von Drangsalierung, Unterdrückung und Gewalt gekennzeichnet ist. Ein aufsehenerregender Fall ereignete sich in Saarbrücken. Zwei Männer wurden verhaftet, weil sie ihre 19jährige Cousine entführt, gefangengehalten und vergewaltigt hatten, nachdem sie sich geweigert hatte, einen der Männer zu heiraten. Wer fragt nach den jungen Frauen, deren Lebensglück zerstört wird, weil sie nicht die Kraft aufbringen, sich gegen den Zwang aufzulehnen?

Eine offizielle Statistik über Zwangsehen gibt es nicht. Gäbe es sie, wäre von einer erheblichen Dunkelziffer auszugehen. Ehen, die unter Zwang in der Türkei geschlossen wurden, sind nach deutschem Recht gültig. Wird nachgewiesen, daß in Deutschland eine Ehe unter Zwang geschlossen wurde, ist dies strafbar nur als Nötigung. Eine Zwangshandlung, die einen ganzen Lebensweg bricht, wird nicht härter geahndet als eine erzwungene Vorfahrt im Straßenverkehr. Immerhin ist ein Gesetzentwurf auf den Weg gebracht worden, wonach jemand, der eine andere Person zur Heirat zwingt, mit mindestens drei Monaten Freiheitsentzug bedroht wird.

Die Tragödien junger Frauen aus islamischen Migrantenfamilien ereignen sich vor einem doppelbödigen Hintergrund. Nicht immer, wenn solche Ereignisse und Zustände öffentlich erörtert werden, ist ehrliche Entrüstung das Motiv. Zu schnell werden sie ins Spiel gebracht, um fremdenfeindliche Ressentiments zu schüren. Damit wird davon abgelenkt, daß Gewalt gegen Frauen kein Phänomen ist, das sich auf den Islam und auf die Bevölkerungsgruppe der Migranten beschränkt. Die Verweigerung von Integration hat ihre zwei Seiten. Man sollte auch nicht übersehen, daß die Freiheiten einer modernen Gesellschaft kein selbstverständliches Kennzeichen „westlicher Kultur“ ist, sondern in einem langwierigen Kulturkampf errungen wurden und auf Schleichwegen – etwa durch konservative Familienpolitik – schrittweise wieder eingeschränkt werden sollen.

Auf der anderen Seite gibt es Hemmungen, Zustände im Milieu der „Gastarbeiter“ zu kritisieren, weil gefürchtet wird, dadurch würde „Wasser auf die Mühlen“ fremdenfeindlicher Kreise geleitet. Das Dilemma geht zu Lasten der jungen Frauen.

Die türkischstämmige Autorin Serap Cileli, die selbst zwangsverheiratet worden war, klagt die „naiven“ deutschen und türkischstämmigen Politikerinnen und Politiker an, die „unser Engagement gegen Zwangsheirat und Ehrenmorde aus Rücksicht auf die Integration der Migranten als zu pauschal kritisieren. Ehrenmord zu ächten hat nichts mit Rassismus oder Ausländerfeindlichkeit zu tun. Kulturelle Toleranz endet da, wo Menschenrechte verletzt werden.“

Die Autorin Necla Kelec bescheinigt den „linken und liberalen ‚Multikultis‘“ eine „folkloristische Sichtweise auf die Ausländer“. Eine Toleranz, die „die Intoleranz und die alltäglichen Gewaltverhältnisse als Bestandteil eines ‚anderen kulturellen Kontextes‘ hinzunehmen, ja zu respektieren bereit ist“, sei „wertlos“. Sie spielt damit darauf an, daß in vielen Gerichtsurteilen der „kulturelle Hintergrund“ als strafmildernd angeführt wird.

Der Weg, der aus dem Dilemma führt, ist schmal und mit Stolpersteinen gepflastert. Es sollte aber unbestritten sein, daß für Kinder, für Homosexuelle, für Frauen jeglichen kulturellen Hintergrunds universelle Menschenrechte gelten.

In Istanbul wurde der 25jährige Irfan Tören zu lebenslanger Haft verurteilt worden. weil er seine Schwester Güldünya in einem Krankenhaus erschossen hatte. Die junge Frau aus den Osten der Türkei hatte „die Familienehre beschmutzt“, weil sie ein uneheliches Kind erwartete. Sie floh nach Istanbul, wo sie von ihren Verwandten aufgespürt wurde. Ihr Bruder bestritt die Tat. Dagegen nahm sein jüngerer Bruder die Schuld auf sich. Davon ließ das Gericht sich nicht beeindrucken, denn bei „Ehrenmorden“ werden immer wieder minderjährige Familienmitglieder als Täter ausgegeben, weil sie mit milderen Strafen rechnen.