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Ausgewählte Beiträge aus dem Satire-Magazin DER METZGER


Lina Ganowski:

Das eindimensionale Parallel-Universum

Alice Schwarzer hat die Bundestagswahl von 2005 kommentiert


(DER METZGER 75 - November 2005)


„Irgend etwas stimmt hier nicht. Irgend etwas ist hier anders als sonst. Aber niemand will es wahrhaben. Alle reden drum rum“, beginnt der Kommentar zur Bundestagwahl 2005 von Alice Schwarzer (Schröder und Merkel – Ein Mann sieht rot. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.9.2005). Treffender hätte sie ihren Beitrag nicht beginnen können: An ihren Auslassungen zum Thema stimmt rein gar nichts. Eins aber stimmt und ist genauso wie sonst auch: daß das Leitorgan des konservativen Zeitgeistes die Umgebung ist, in die Alice Schwarzer hineinpaßt. Wo sonst sollte man die Reste der vulgärfeministischen Bewegung noch aufspüren als im konservativen Lager? Daß „alle drum rum reden“ ist umso tröstlicher. Um die Achse von Alice Schwarzers Universum rotiert nur noch sie selbst.

Folgt man Schwarzer, dann hat es keine Wahl ohne Wahlsieger gegeben, sondern ein „Familiendrama“, in dem der „Noch-Kanzler“ „nach dem gleichen“ (recte: dem selben) „Gesetz handelt“ wie der „Noch-Ehemann“, der an seiner türkischen Gattin einen „Ehrenmord“ begeht. Stünde das nicht in der FAZ, könnte man meinen, irgendein Scherzbold hätte sich des Namens Alice Schwarzer bedient für eine Persiflage. Es ist aber keine Persiflage, sondern Realsatire. Was die schreibt, meint die ernst.

Schröder ist nicht, was zu simpel wäre, der noch amtierende Bundeskanzler, dem bei der Wahl die Mehrheit flötengegangen ist, sondern der Familienvater Deutschlands, also der Tyrann der Wohnküche. Da man schlecht behaupten kann, daß die Bundesrepublik Deutschland eine von einem Idi Amin oder Mobutu beherrschte Diktatur ist, muß der Staat in eine Wohnküche umgedeutelt werden und diese wiederum in eine Mördergrube. Neun mal kommt das Wort „Tyrann“ vor, der „Tyrann“, der „Polittyrann“, der „Tyrann“, der „typische Tyrann, der macht, was er will“, der „Tyrann, der das Gesetz macht... keiner wagt (es), sich ihm in den Weg zu stellen“, das „Tyrannen-System“, der „Tyrann, der den Sieger bedrängt“ (hä?) „und grölt: Gebt sie raus! Ich mach sie platt!“ Die Agitatorin, der es irgendwie schwant, daß ihr Alarmgeschrei kaum jemanden alarmieren dürfte, muß ganz kräftig auf die Verbal-Tube drücken, damit wenigstens im Wasserglas ein Orkan entsteht.

Folgt man Schwarzer auf ihren gewundenen Wegen, dann ist das so gewesen: Angela Merkel (CDU) hat gegen Schröder einen grandiosen Wahlsieg errungen, aber das nützt ihr nichts, denn der Tyrann ist ein Tyrann und will einfach nicht seinen Platz räumen. Die Kandidatin und die Gesamt-Frau und überhaupt wir alle stehen da und müssen fassungslos mitansehen, daß der abgewählte Kanzler sich einfach nicht abwählen läßt. So schlecht ist die Welt. „Unser Polittyrann spielt sich als Wahlsieger auf, obwohl er der Verlierer ist. Seine Herausforderin“ (recte: Herausfordererin) „hat 2005 rund 450.000 Stimmen mehr als er – 2002 haben ihm schlappe 6.000 Stimmen mehr genügt, um sich als Kanzler bestätigt zu sehen. Und niemand hat es ihm streitig gemacht.“ Das wäre auch schlecht gegangen. Denn 2002 genügte der 6.000-Stimmen-Vorsprung für die Mehrheit, 2005 reichte der 450.000-Stimmen Vorsprung für die Mehrheit nicht. Das hat Alice Schwarzer in der Realitätsferne ihres Paralleluniversums nicht wahrgenommen. Sie glaubt und will glauben machen, daß Angela Merkel deshalb das Amt des Bundeskanzlers streitig gemacht wird, weil „die Frau, die es gewagt hat, IHN herauszufordern, auf dem Altar der Männerehre geopfert werden soll“, weil „ein Mannsbild“ (wie Schröder) meint, er könne „nicht ersetzt werden durch eine Frau“ und weil es „der Schröder-SPD“ einzig und allein „darum geht, ... diese Frau zu verhindern“ – und nicht etwa deshalb, weil sie – ebenso wie der Amtsinhaber – die Wahl schlichtweg verloren hat. Alice Schwarzer schreibt fern der Realität unentwegt davon, „sechzig Jahre nach dem Führer“ (hä?) „und 87 Jahre nach Erringung des Frauenstimmrechts“ hätte „das Volk sie (Merkel) gewählt“, von einen (wenn auch „überraschend knappen“) „Sieg“ und beklagt, daß „die Medien ... plötzlich nicht mehr von einem Verlierer und einer Siegerin, sondern von den ‚beiden Kandidaten‘ sprechen“. „Die Medien“ haben anders als Frau Schwarzer mitgekriegt, daß Angela Merkel keineswegs die Wahl gewonnen, sondern verloren hat, die Wahl, aus der die große Koalition der Verlierer hervorgeht mit einer Bundeskanzlerin, die glanzlos wie keiner ihrer Vorgänger das Amt antritt, mit einem „Wahlsieg“ in Gänsefüßchen.

„Da erleben wir im Jahre 2005 den Versuch eines scheidenden Kanzlers, seine designierte Nachfolgerin in einer Art und Weise öffentlich zu desavouieren, die er sich auch mit dem härtesten politischen Gegner nie erlaubt hätte – und die der ihm auch nie durchgehen ließe. Schröders Motiv ist unübersehbar Verachtung, ja Haß auf die Frau, die ihm gewachsen sein könnte.“ In der Tat: Irgend etwas stimmt hier nicht. Genauer gesagt: Gar nichts. Härte ist in die Politik nicht erst in dem Moment gekommen, als eine Kandidatin aufgestellt wurde. War Helmut Schmidt vielleicht ein Tanzschulenlehrer? Haben Adenauer und Renner, Brandt und Barzel, Wehner und Strauß, Fischer und Kohl sich mit Samthandschuhen angefaßt und hätte je der eine dem anderen das nicht durchgehen lassen müssen? Verachtung und Geringschätzung haben in der Auseinandersetzung zwischen ihnen oft vielleicht eine Rolle gespielt, Haß wohl eher nicht. Von Schröder mag man halten was man will, aber daß „die Frau“ Merkel „ihm gewachsen sein könnte“ glauben nur die Einfältigen. Wer sie in der „Elefantenrunde“ erlebt hat, kann sich vorstellen, daß sie gegenüber einem anderen Regierungschef auch dasitzen wird wie eine beleidigte Ziege. Sie, die so treudoof an den Kapitalismus glaubt wie man an den Klapperstorch glaubt, hat nicht die Schuhgröße für ein Amt, für das mehr gebracht werden muß als treudoofer Glaube. Auch die (von Schwarzer sorgsam verschwiegene,) von Merkel unter Beweis gestellte Fähigkeit, Konkurrenten aus den eigenen Reihen wegzubeißen, reicht nicht. Desavouiert hat sie sich selbst mit ihrem Drei-Punkte-Wahlprogramm (1. Löhne und Renten müssen gesenkt, 2. Sozialleistungen müssen gestrichen werden und 3. außenpolitisch kriechen wir den Amerikanern in den Arsch). Desavouiert hat sie sich vor den Wählern und Wählerinnen.

Nicht weil „der stürzende Tyrann es geschafft (hat), sie mit ins Wanken zu bringen“ wankte sie, sondern weil sie als Kandidatin des Traums von einer schwarzgelben Wende gescheitert ist.

Nicht die von Schwarzer zusammenhalluzinierte Weltverschwörung will Angela Merkel „als Leiche auf dem Schlachtfeld“ zurücklassen (achgott!), sondern: den Glanz des Sieges haben ihr die Wähler vorenthalten, und besonders die Wählerinnen, die mehrheitlich für Fischer und Schröder votierten und sich nicht um die angeblich historische Chance kümmerten, irgendeine Frau zur Kanzlerin zu machen. Daß die Mehrheit der Frauen links von der CDU wählten, zeigt, daß sie beiweitem nicht so dumm sind wie Alice Schwarzer es gern hätte. Sie waren klug genug, um wenigstens zu ahnen, daß es für Rentenkürzung, Lohndiktat, Wiedereinstieg in die Atomenergie und Verdreifachung der Bundeswehreinsätze keine hinreichende Entschädigung ist, sich am Anblick einer KanzlerINNENvisage ergötzen zu dürfen. Die Frauen, die links von der CDU (und damit auch gegen Schwarzer) votierten, waren klug genug, um zu erkennen, daß die von Merkel repräsentierte konservativ-liberale Politik zu Lasten der Schwachen und vor allem zu Lasten der Schwachen unter den Schwachen, also zu Lasten der Frauen geht. Sie haben begriffen, was leicht zu begreifen ist, was aber Frau Schwarzer nicht begreifen kann: daß eine Politik gegen die Frauen sehr wohl mit einer Frau an der Spitze gemacht werden kann. Ob Politik für oder gegen Frauen gemacht wird, ist Alice Schwarzer völlig gleichgültig. Die Lebensaussichten von hunderttausend alleinerziehenden Müttern bedeuten ihr nichts verglichen mit den Karriereaussichten der Kandidatin vom rechten Flügel einer reaktionären Partei. Alice Schwarzer ist die Masse der Frauen gleichgültig. Ihr geht es nur um ein paar Symbolweiber in Spitzenpositonen.

Deutschland ist „nicht reif für eine Kanzlerin“, meint Schwarzer. In Schröders Kabinett betrug die Frauenquote 50 %. Von den 12 Ressortministern waren 6 Frauen. Daß dies nie besonders hervorgehoben wurde und niemandem besonders auffiel, zeigt, daß es sich nicht um Quotenpolitik handelte, sondern um Normalität. Ergo ist dieses Land durchaus reif für eine Kanzlerin. Nur muß es ja nicht unbedingt diese sein. Normalität heißt vor allem, daß es um alles Mögliche geht, nur nicht darum, ob das Amt des Bundeskanzlers von einem Mann oder von einer Frau ausgeübt wird. Diejenigen, die Merkel deshalb gewählt haben, weil sie eine Frau ist, sind genauso dumm wie die, die sie deshalb nicht gewählt haben, weil sie eine Frau ist.

„Kein anderer als sie wäre jetzt der wahre Systemwechsel“ befindet Alice Schwarzer über Angekla Merkel – ohne mit einer Silbe auf die Programmatik der CDU und ihrer Kandidatin eingegangen zu sein. Systemwechsel! In der Eindimensionalität ihrer Ideologie kann sie sich nur reflexhaft äußern. Über das Klischee kommt sie nicht hinaus, weil sie selbst ein Klischee ist.