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Ausgewählte Beiträge aus dem Satire-Magazin DER METZGER


Helmut Loeven:

tockalooaff bumm

19 Jahre Eschhaus zu


(Der Metzger 76, Mai 2006)


Die allererste Initiative, die zum Eschhaus führte, ging von der Rockband Bröselmaschine aus. Beeinträchtigt von der Wohnungsnot (7 Leute im Dachgeschoß auf der Goldstraße) ging es uns um sowas wie ein Künstlerhaus, in dem wir all unsere musikalischen & nichtmusikalischen, nach innen & außen wirkenden Aktivitäten entfalten könnten. Den Kontakt zu den zuständigen Verwaltungsmännern & -frauen hatte Flipflap Hütter von der Drehbühne eingefädelt. Die Damen & Herren zeigten sich sehr zugänglich. Es gab eine richtige Verhandlung (mit Esser, Greiner, Frau Lauer & dem weißhaarigen Bald-Pensionär vom Jugendring). Nach dieser Ouvertüre war erstmal Pause. Die Bröselmaschine löste ihr Wohnungsproblem einigermaßen selbst, & ihre Verbindung zur Duisburger Kreativzone nahm Schaden infolge ständiger Tourneen.

Den zweiten Anlauf unternahm ein paar Monate später die Redaktion der Schülerzeitung Kwalm. Die verteilte ein Flugblatt: Alle, die gerne ein unabhängiges Jugendzentrum hätten sollten an einem Montagabend im November 1972 in das Hinterzimmer einer Kneipe am Kantpark kommen, da könnte man ja mal sehen, was es für Vorstellungen gibt. Es kamen etwa 30 Leute. Einige kannte ich, einige nur vom Sehen. Dort sah ich zum ersten Mal den Wolfgang Esch, einen eloquenten, geistesgegenwärtigen, gutaussehenden Mann mit schwarzem Haar, schwarzem Bart & Düsseldorfer Akzent & griechisch-römischer Ausstrahlung. Wenn der die divergente Versammlung nicht so gut überblickt & strukturiert hätte, wäre sie vielleicht ergebnislos geblieben. (Den Hansjürgen Bott kannte ich schon). Klar wurde: Wir wollten keine Freizeiteinrichtung schaffen. Wir hatten universellere Vorstellungen. Klar wurde auch was wir unter Unabhängigkeit verstanden: Wir wollten die Jugendverbände da raushalten, auch die linken. Die anderen sowieso.

Die Initiative Unabhängiges Jugendzentrum war entstanden. Sie traf sich wöchentlich, mal in der Uni-Mensa, mal im Kantpark, mal in der Drogenberatungsstelle (!), später im Kutscherhaus auf der Schweizer Straße, zuletzt in Werner Hewigs „Studio 41“. (Das war komisch, denn der Hewig wollte selber das Eschhaus haben und mußte grummelnd miterleben, daß seine Konkurrenz unter seinem Dach tagte). Der Kreis wuchs & schrumpfte & wuchs wieder, blieb informell, ohne Vorstand, ohne feste Struktur, ohne gewählte Funktionen, ohne Hierarchie & fast ohne Arbeitsteilung. Es wurde wenig Papier bedruckt. Sprecher waren alle, die etwas zu sagen hatten. Gespräche im kleinen Kreis, um etwas vorzubereiten, waren die Ausnahme. Die „Szene-Kommunikation“ gewährleistete den Informationsfluß. Experiment & Improvisation erwiesen sich als tragfähig.

Drei informelle Kommissionen wurden tätig: Eine für Propaganda, eine für Kontaktaufnahme mit der Stadt, & eine, die im Stadtgebiet ein großes leerstehendes Gebäude ausfindig machen sollte. Als bestens geeignet erwies sich die leerstehende Textilfabrik Ludwig Esch an der Niederstraße. Man darf Lutz Ringer als den Entdecker des Eschhauses würdigen.

Von Seiten der Stadt wurden die Verhandlungen vom Jugendamt & vom Jugendwohlfahrtsausschuß geführt. Wenngleich Waltraud Lauer, die oberste Chefin, dauernd bremste, erwiesen sich die Verhandlungen als erfolgversprechend. Denn erstens war die SPD gerade dabei, ein bißchen mehr Demokratie zu wagen. Zweitens wollte die Stadt ein Jugendzentrum bauen, so eine Art Mini-Mercatorhalle an der Friedrich-Wilhelm-Straße. Dafür waren schon Pläne gezeichnet, aber kein Geld vorhanden. Da sahen sie, daß unsere Vorstellungen sie viel billiger kamen. Uns mußten sie nur ein altes Gebäude zur Nutzung überlassen & mit Strom & Wasser versorgen. Geld von denen wollten wir nicht, erst recht kein Personal. Alle die, die später behaupteten, mit dem Eschhaus würde das Geld braver steuerzahlender Familienväter vergeudet, haben verschwiegen, welche Millionensummen wir der Stadt durch die freie Trägerschaft erspart hatten. Sogar die Renovierung des alten Gemäuers haben wir fröhlich selbst durchgeführt.

Wenn sowas wie ein Konzept ausgearbeitet wurde, geschah das, weil man dem Affen eben Zucker geben muß & weil Beamte immer Papier haben wollen. Die Kalkulation der hohen Stadtbeamten war die: Wenn‘s klappt, dann klappt‘s, ohne daß wir viel dazutun müssen, & wenn‘s nicht klappt, umso besser. Mit der Standhaftigkeit der Freaks wird man dort wohl kaum gerechnet haben. Es war die Nüchternheit & der Realitätssinn von Menschen, die nicht mit Dogmen & Strategien herumschwadronierten, sich mit einer Weltrevolution in den Wolken nicht zufriedengeben wollten, sondern nicht weniger versuchten als ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Daß eine informelle, kaum strukturierte Initiative sich so lange zusammenhalten ließe, war vielleicht nur in der besonderen Situation Anfang der 70er Jahre möglich.


Im August 1974 wurde das Eschhaus eröffnet & sofort von Publikum überrannt. Das Konzept war, zumindest für die erste Zeit, aufgegangen. Schreibt man die Geschichte der ersten Phase des Hauses, dann schreibt man eine Erfolgsgeschichte. Denn nicht nur Publikum fand sich in Heerscharen ein. Das Angebot, das Haus für kulturelle & politische Aktionen der vielfältigsten Art zu nutzen, wurde angenommen.

Nicht ohne Ironie war die offizielle Eröffnung – schon allein, weil sie erst Monate nach der Aufnahme des Betriebs stattfand. Robert Jungk war der Stargast, flankiert von den Duisburger Universitätsprofessoren Wolfgang Fischer & Jan van Goudoever, drei Kapazitäten also, die ihre fröhliche Wissenschaft aufrührerisch auffaßten. Der holländische Theologe kam bei den Damen gut an (Kommentar: „Süüüß!“). Er brachte das ganze Experimentum auf die Formel „Abenteuer der Begegnung“.

Daß das Eschhaus als Jugendzentrum eröffnet wurde, war eigentlich ein Trick. Mit der „Jugendfraktion“ in Stadt & SPD (was damals identisch war) zu verhandeln erschien am meisten erfolgversprechend, um erst einmal reinzukommen. Wenngleich Publikum & Aktive fast ausschließlich jüngeren Alters waren (15 bis 35), sahen wir uns nicht als Repräsentanten einer Generation, sondern einer gesellschaftlichen Aufbruchbewegung, die nicht auf eine Generation beschränkt bleiben durfte (Grauen Panthern fühlten wir uns näher als angepaßten Altersgenossen). Als das Haus erstmal in unseren Händen war, verschwand die Bezeichnung „Jugendzentrum“. – Es hieß dann nur noch „Zentrum Eschhaus“. (Jahre später hab ich mal mitgekriegt, wie ein Mitarbeiter zu den anderen sagte: „...wenn wir das machen, dann sind wir ein soziokulturelles Zentrum.“ Das schrien alle: „Niemals!“ Das sollte es also auch nicht sein).

Auch das ausgearbeitete Konzept der „Selbstverwaltung“ war ein Trick. Er diente dazu, den Verbänden jede Einmischung zu verwehren. Tatsächlich waren die Selbstverwaltungsstrukturen – mit der Vollversammlung als höchstes Organ – eher hinderlich als hilfreich. Die Vollversammlungen waren Tummelplätze für Quatschköpfe, Besserwisser & Selbstdarsteller ohne den blassesten Schimmer, die Beschlüsse faßten, die sie nicht umzusetzen & zu verantworten brauchten. Dauernd hatte man es mit Leuten zu tun, die längst beantwortete Fragen stellten, längst gelöste Probleme von neuem erörtern mußten (& zwar von vorn), mit Leuten, die kamen, alles umkrempeln wollten & sich dann nie wieder blicken ließen, mit Spinnern, mit Provokateuren, mit F&amentalisten, die es schon als Verrat anprangerten, daß man an der Theke ein Getränk bestellen konnte anstatt daß jeder sich sein Bier selber braut. Diebe, Räuber, Schläger, Anfixer & Zuhälter wußten, daß die Vollversammlung Hausverbote aufhebt, wenn man ihr nur etwas von „sozialer Benachteiligung“ vorgreint. Die Vertreter von Polit-Sekten, die in ihrer Eindimensionalität mit Erfahrung & Experiment, mit dem Abenteuer der Begegnung & gegenseitiger Inspiration nix anfangen können, waren noch harmlos dagegen.

Was wir unter Selbstverwaltung verstanden, war etwas anderes: freie Bahn, ungehinderte Entfaltung & Selbstverantwortung für die, die im Haus tätig waren. Anstelle einer Lähmung durch Bürokratie sollte nicht eine Lähmung durch ein anonymes Kollektiv treten. Bald wurden die wirklichen Entscheidungen dann auch nicht mehr in der Vollversammlung, sondern in der Mitarbeiterbesprechung getroffen. Professionalisierung konnte nicht ausbleiben, verriet & verwässerte aber nichts. Mit Michael Stroh war ein Hausmeister am Werk, der das Handwerk als Kunst ausübte & mit Werkzeug umging wie ein Künstler. Reparieren war für ihn das Verwirklichen von Ideen. Wer hätte ein besserer Geschäftsführer sein können als Udo Biesemann, der Mann, der sich nie aufregte? Instinktsicher wurde die richtige Entscheidung getroffen, den Thekendienst nur von Frauen machen zu lassen (Frauke Urselmann, dann Brigitte Czernik & dann die dicke Birgit).

Die ganz besondere Spezies der Eschhaus-Frauen ist eine Eloge wert. Nirgendwo sonst bin ich in so großer Zahl Frauen begegnet, die stark, klug, & schön waren. Sie unterschieden sich so gründlich von den Disco-Girls, die so hübsch & langweilig sind, ebenso von den Emanzen, die so „emanzipiert“ sind mit kleinem „e“ & großen Gänsefüßchen. Es gab dort ganz junge Teenies, denen aber etwas anderes vorschwebte als der übliche Teeny-Werdegang. Diese hatten sich gut entschieden, als sie begannen, Eschhaus-Frauen zu werden.


In 13 Jahren Eschhaus konnten einige kulturelle Highlights untergebracht werden (Alexis Korner, Julie Driscoll, BAP, Ton Steine Scherben, Chotjewitz, Ströbele etc. pp. Staatsbesuch hatten wir auch mal: Minister Posser), vorherrschend waren die (noch) Unbekannten, die absolute beginners, die Randfiguren & Außenseiter, denn für die Benutzer des Eschhauses war der Rand wichtiger als die Mitte, & „Underground“ war noch kein ausgehöhltes Schlagwort für ein Marktsegment.

Die Schwierigkeiten, mit denen fertigzuwerden war, waren zahlreich & vielfältig. & sie ließen nicht auf sich warten. Vom ersten Tag an war das Eschhaus Kreativzone & sozialer Brennpunkt in einem. Es darf auch nicht vergessen werden, daß die Gesellschaft in den 70er Jahren nicht nur ein großes Experimentierfeld war. Die Zeit war ebenso geprägt von Hysterie & Repression, von Generalverdacht gegen alles, was „anders“ war. Der (innen)politische Druck auf das Experiment vergrößerte sich, & die Abwehrkräfte ließen irgendwann plötzlich nach.

Das Eschhaus bestand von 1974 bis 1987, 13 Jahre lang, & das war dann auch genug.

Im Lauf dieser Jahre fand unter den Tätigen eine komplette Fluktuation statt. Der einzige, der von ersten bis zum letzten Tag ununterbrochen im Eschhaus gearbeitet hat, war ich. Hätte einer nur den zweiten & den vorletzten Monat des Eschhauses erlebt, hätte er den Eindruck haben müssen, zwei völlig verschiedene Häuser erlebt zu haben.


Daß bei der Eschhaus-Revival-Fete im Pulp, die Anlaß für diesen Rückblick ist, nur die aktiven Leute aus der frühen Phase des Eschhauses (& aus der Phase davor) zu sehen waren, ist also folgerichtig.

Volker S&ermann verglich das Eschhaus mit einem Eisenbahnwaggon, der, ohne eigenen Antrieb, von einer Lokomotive angeschoben, über die Gleise rollt. Er kann, wenn er nicht vor einen Prellbock prallt, ohne Impuls noch kilometerweit rollen, aber keine neue Fahrt aufnehmen. So war es auch. 13 Jahre Eschhaus waren mehr als genug, vielleicht drei Jahre zu viel. Aufgehört wurde nicht, als es am schönsten war, sondern als es nicht mehr ging.

Doch das soll die Bilanz nicht trüben. Zählen wir alles zusammen & subtrahieren wir die Defizite, bleibt ein schönes Stück übrig. Die Eschhaus-Revival-Party (auch ein Experiment) war alles andere als ein Klassentreffen & führte keineswegs gesetzte Herrschaften zueinander, die sich in Nostalgie an ihre wilden Jahre erinnern. Wäre das so, dann wäre das Eschhaus bloß eine Freizeiteinrichtung & ein Jugendzentrum gewesen & hier würde keine Zeile darüber stehen. Das Experiment hat gezeigt, daß die Aufgebrochenen auseinandergegangen, aber nicht stehengeblieben sind.

Das Eschhaus (1972/1974-1987) war ein Resultat der Umbrüche, die in den 60er Jahren begannen. Es war eine Reaktion auf die Fraktionierung & Dogmatisierung der Neuen Linken, der praktische Widerspruch gegen den Anspruch sektiererischer Alleinvertreter. in immer mehr immer kleineren „Organisationen“. Das Unbehagen an pseudoleninistischer Zwangsmoral verschaffte sich Gehör. Es war eine Kreativzone informeller Strukturen, ein Freiraum der Heterogenität, der den Dogmatikern nicht weniger unbehaglich war als den Konservativen, die darin einen Hort von Unfug, Unzucht & Umsturz sahen.

Mit Recht!