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Ausgewählte Beiträge aus dem Satire-Magazin DER METZGER


Lina Ganowski:

Knappes Gut im Überfluß

Um die Rentenfinanzierung zu sichern, müßte die Geburtenrate rapide gesenkt werden


(Der Metzger 76 – Mai 2006)


„Der einzig legitime Grund, ein Kind zu bekommen, ist die Freude am eigenen Leben.“
Theodor W. Adorno


Die Politiker der meisten Parteien werfen ihre Gesichter in Sorgenfalten: Es werden zu wenig Kinder geboren! Alle dreißig Jahre halbiert sich die Geburtenrate, und wenn das so weiter geht, gibt es zweitausendsoundso gar keine Deutschen mehr! Das ist natürlich für die Politiker der meisten Parteien (leider gerade der Parteien, die am meisten zu sagen haben) eine albtraumhafte Vorstellung. Wie die Welt ohne ein deutsches Volk jemals existieren soll, ist die Sorge von morgen, die man sich heute schon macht. Die Sorge von heute gilt dem „Generationenvertrag“. Dieser Vertrag (der eigentlich keiner ist, sondern eine Idee, die in die Sozialgesetzgebung eingeflossen ist) regelt die gesetzliche Rente für die, die das Renteneintrittsalter überschritten haben, und für die, die wegen Invalidität am Erwerbsleben nicht teilnehmen können (auch „Frührentner“ genannt). Aufgrund des Generationenvertrags, so wird uns gesagt, haben die Eltern die Renten für die Großeltern gezahlt und zahlen nun die Kinder für die Eltern, auf daß dereinst die Enkel für die Kinder und die Urenkel die Enkel die Renten zahlen (danach kommen dann die Ur-Urenkel dran). Wie aber soll das funktionieren, wenn man irgendwann mal dasteht, und es kommt keine Generation mehr nach – oder eine, die an Anzahl ein bißchen mickrig auffällt? Um den Generationenvertrag aufrechtzuerhalten, müssen Generationen her. Aber wo bleiben die?

Anstatt auf Papst Paul, den Pillenpaule zu hören, haben die Leute (so um ‘68 rum) gesagt: „Ob Kinder oder keine entscheiden wir alleine“, und jetzt haben wir den Salat. Die Politiker der meisten Parteien sind sich einig: So geht das nicht weiter, es muß etwas geschehen. Und so haben sie angefangen, nachzudenken; und wie zu befürchten war, ist auch etwas dabei herausgekommen: Wer sich den Luxus der Kinderlosigkeit leistet, soll Luxussteuer bezahlen. Wer keine Kinder in die Welt gesetzt hat, zahlt mehr in die Pflegeversicherung ein. Eine Sonderkontribution für Kinderlose ist bereits „angedacht“ und wird „in die Debatte geworfen“, damit die Leute, die keine Kinder in die Welt gesetzt haben, sich schonmal innerlich darauf vorbereiten, daß ihnen demnächst – mehr noch als bisher – in die Tasche gegriffen wird.

„Jeder, auch der ärmste, kann sich Kinder leisten. Für Akademiker, die besonders wenige Kinder bekommen, gibt es nicht einen ernstzunehmenden Grund, der ihr Verhalten rechtfertigt“, meint Christoph Keese, Chefredakteur der Welt am Sonntag. „Absichtlich keine Kinder zu bekommen oder sie leichtfertig abzutreiben ist verantwortungslos. Mit jedem Jahr wird deutlicher, wie groß das Versagen dieser Generation ist.“ Statt „Luxussteuer“ müßte man wohl besser gleich „Strafsteuer“ sagen.

So wird im Wochenanzeiger, einem Anzeigenblatt im Ruhrgebiet, auch gar nicht drumrumgeredet, sondern Klartext gesprochen: „Kinderlose an den Pranger? Soll ein Nein zum Nachwuchs vom Staat bestraft werden?“ – mit dem Resultat, daß die meisten der auf der Straße Befragten und die meisten der Leserbriefschreiber(innen) sagen: Der Staat soll sich gefälligst nicht in die Privatangelegenheiten der Leute einmischen. Einige fügen dem hinzu, daß der Staat, der sich anschickt, das „Nein zum Nachwuchs zu bestrafen“ durch eigene Versäumnisse an der geringen Geburtenrate selbst schuld sei.

In Zeiten, in denen die Sozialleistungen des Gemeinwesens der Profitsicherung geopfert werden, vollzieht sich eine Akzentverschiebung. Weg von der pluralistischen Gesellschaft, deren Pluralität auch darin besteht, es jedem zu überlassen, ob und wieviel „Nachwuchs“ es gibt, hin zur Formierten Gesellschaft, deren Formiertheit auch darin besteht, daß jeder nachzuweisen hat, daß er begriffen hat, wozu er da ist, nämlich zu wachsen und sich zu mehren. In die Kerbe „Die-Achtundsechziger-sind-an-allem-schuld“ muß immer mal wieder reingehauen werden, und wer lebt wie er es für richtig hält ist ein Volksschädling. Sündenböcke müssen her! Wie schafft man das? Mit halben Wahrheiten und ganzen Lügen.

Die Kinderlosen müssen endlich auch mal ihren Beitrag leisten – wird uns suggeriert. Als ob sie das nicht schon längst täten, durch höhere Steuern etwa, mit denen sie Kindergeld und Unterricht für die Kinder anderer Leute mitfinanzieren und die Lücken schließen, die der Rentenversicherung durch Kindererziehungszeiten entstehen. Wer keine Kinder hat, zahlt, wie schon gesagt, einen Sonderbeitrag an die Pflegeversicherung und er zahlt an die Krankenkasse Beiträge für die Behandlung der beitragsfrei gestellten Kinder anderer Leute. Dagegen wäre gar nichts einzuwenden, wohl aber dagegen, daß beflissen verschwiegen wird, daß das alles längst geschieht.

Es wird auch nur die halbe Wahrheit gesagt, wenn vom Generationenvertrag die Rede ist. Es ist nämlich keineswegs so, daß die Jungen für die Alten bezahlen. In Wirklichkeit zahlt die mittlere Generation für die Alten und für die Jungen.

Man kann den Leuten ja alles erzählen. Als ob jemand vom Tag der Geburt an Beiträge in die Rentenversicherung einzahlen würde!

Die Rentenfinanzierung hat mit der Geburtenrate nichts, aber auch gar nichts zu tun. Wenn die Rentenfinanzierung tatsächlich von der Geburtenrate abhinge, dann hätte Bangladesh heute das sicherste Rentensystem, dann wäre Bangladesh heute das reichste Land der Welt.

In Wirklichkeit versorgt die mittlere Generation die ältere und die jüngere. Dies auch nur im Idealfall, aber längst sind erhebliche Teile der mittleren Generation auf Transferleistungen angewiesen. Wenn man den Generationenvertrag richtig beschreibt, versorgt die mittlere Generation drei Generationen: die ältere, die jüngere und – in Teilen – die eigene. Zum sozialen Transfer gehört auch die Versorgung der Arbeitslosen und Frühinvaliden, und das wäre auch dann nicht eine geringere Last, wenn die Transfersysteme nach dem Willen der liberalen Marktschreier privatisiert würden.

Auch wenn es mir zuwider ist, neugeborene Kinder als ökonomische Kalkulationsgrößen zu betrachten: Steigende Geburtenzahlen würden zunächst einmal eine zusätzliche Belastung der sozialen Transfersysteme bedeuten. Wenn heute ein Kind geboren wird, vergehen 20 Jahre, bis der erste Beitrag in die Sozialkassen eingezahlt wird, und bis dahin ist das Gemeinwesen belastet mit Leistungen für Kindetagesstätten, Schule, Ausbildung, Krankenbehandlung etc. pp. Und dann ist noch lange nicht garantiert, daß danach Beiträge in die Sozialkassen eingezahlt werden. Ja, wenn mit der Geburt auch gleich eine Jobgarantie geboren würde...

Mit der Zahl der Geburten steigt nicht automatisch die Zahl der versicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse. Im Gegenteil. Würde ich heute Vierlinge zur Welt bringen, würden sich in 20 Jahren vier mehr Leute um die bis dahin weiter gesunkene Zahl der Jobs balgen müssen.

4 mehr Geburten = 4 mehr Jobs ist Quatsch. 4 mehr Geburten = 4 mehr Arbeitslose – da wird schon eher ein Schuh draus.

Die Finanzierung der Renten (und der anderen Transfersysteme) ist keine demografische, sondern eine verteilungspolitische Angelegenheit. Sie hängt nicht von der Geburtenrate, sondern von der Produktivität, von der Wertschöpfung ab. Die steigt schneller als die Zahl er Rentner, und sie steigt schneller als die Zahl der Jobs abnimmt. So kann es zum Beispiel sein, daß in einer Zeit, in der – sagen wir mal – auf einen Rentner drei Beschäftigte kommen, die Rentenfinanzierung leichter ist als in einer Zeit, in der auf einen Rentner 30 Beschäftigte kommen (darauf wollte ich mit dem Hinweis auf Bangladesh hinaus). Es ist dann allerdings erforderlich, von dem starren System der Rentenfinanzierung aus dem Lohn wegzukommen und die Finanzierung der sozialen Systeme auf eine Basis zu stellen, in der die gesamtwirtschaftliche Leistungsfähigkeit enthalten ist, also etwa durch die Heranziehung aller Einkommensarten und durch eine Wertschöpfungsabgabe anstelle des Arbeitgeberanteils.

Wenn Sündenböcke gezüchtet werden, dient das zumeist dazu, von eigener Schuld abzulenken. Denn es sind nicht die Kinderlosen, sondern just die Politiker der meisten Parteien, die die Rentenfinanzierung in die Krise gesteuert haben: durch Ein-Euro-Jobs, durch Hartz IV, durch Scheinselbständigkeit und durch das Grassieren ungeschützter Beschäftigungsverhältnisse – letztlich dadurch, daß sie es den Konzernen überlassen, die Arbeitslosenquote nach Belieben in die Höhe zu treiben.

Wodurch haben sich diese Politiker eigentlich dazu qualifiziert, denen, die selbst darüber entscheiden, ob sie Kinder haben wollen oder nicht, irgendeine Schuld in die Schuhe zu schieben? Etwa dadurch, daß sie die Umweltverschmutzung, die Klimakatastophe und die Sicherung des Weltfriedens so bravourös gemeistert haben? Oder dadurch, daß sie in den letzten Jahrzehnten für eine gerechte Einkommensentwicklung gesorgt haben? Oder dadurch, daß sie Kindertagesstätten und Schulen ausreichend mit Personal ausgestattet haben? Oder dadurch, daß sie den Arbeitgebern Einhalt boten, die mit ihrem Verlangen nach „Flexibilität und Mobilität“ jede Familienentwicklung abzuwürgen drohten? Nein, das nun gerade nicht. Die Politiker, die eine Politik des Aussitzens kultiviert haben, sollten sich nun gerade nicht beschweren. Aber was soll man schon von Politikern erwarten, die, wohl wissend, daß man mit 50 zu alt für den Arbeitsmarkt ist, das Rentenalter auf 67 heraufsetzen?

Dankbar sollte man uns Kinderlosen sein, weil wir den Lehrstellenmarkt entlasten und den Sozialkassen weitere Ausgaben ersparen, daß wir die Zahl derer, die keine andere Erfahrung machen als die, überflüssig zu sein, nicht erhöht haben. Wie wäre es also mit einer Sonderprämie für fehlende Kinder, für die es zuerst keinen Kindergartenplatz, dann keine Ausbildung und dann keinen Job gibt?

P.S.: Wer vor 20 oder 30 Jahren es versäumt hat, Kinder in die Welt zu setzen, hat das vielleicht voller Verantwortungsgefühl getan, weil damals so viel von der Überbevölkerung der Erde die Rede war. So könnte man also denen, die sich heute voller Verantwortungsgefühl dem Zeugungsdiktat beugen, in 20 oder 30 Jahren vorhalten, sie hätten als Generation versagt, weil sie ein Heer von Arbeitslosen gezeugt haben.



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