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Ausgewählte Beiträge aus dem Satire-Magazin DER METZGER


Helmut Loeven:

Der Aufstand


(Der Metzger 90, Mai 2010)


Ich erzähle Ihnen zwei Geschichten.

Ich ging an einem frühen Sonntagmorgen durch Neudorf, um eine Freundin zum Bahnhof zu bringen. Der Weg zum Bahnhof führt, wie Sie wissen, am Gertrud-Bäumer-Berufskolleg vorbei, und meine Freundin wollte wissen, wer denn eigentlich Gertrud Bäumer gewesen sei.

Gertrud Bäumer, antwortete ich, war eine prominente Publizistin zur Zeit der Weimarer Republik, sehr patriotisch und so eine Art Reichs-Anstandsdame, die sich für ein Schmutz-und-Schund-Gesetz einsetzte.

Aha“, sagte meine Freundin, „so eine Art Alice Schwarzer der 20er Jahre.“

Ich konnte das weder verneinen noch bejahen, denn meine Freundin kannte Alice Schwarzer besser als ich, weil sie eine Zeitlang in deren Kölner Verlagsunternehmen gearbeitet hatte, bevor sie dort im Streit ausschied (siehe DER METZGER 54).

Die zweite Geschichte ist etwas länger her. Das war zu Zeiten des Eschhaus-Buchladens. Da erschienen eines Abends zwei junge Frauen mit zweierlei Anliegen.

Erstens: Sie wollten mich dafür engagieren, eine von der Gruppe, für die sie sprachen, herausgegebene Infobroschüre zu verbreiten.

Zweitens: Sie teilten mir mit, daß es in ihren Kreisen mißbilligend registriert worden sei, daß im Eschhaus-Buchladen kaum beziehungsweise überhaupt nicht „Literatur der Frauenbewegung“ zu finden sei, und sie wirkten auf mich ein, diesem Übelstand abzuhelfen. Sie redeten mit sehr ernsten Gesichtern und erklärten mir ihr Anliegen, so wie man einem kleinen Kind etwas erklärt (und ich zweifelte nicht daran, daß sie beizeiten ihren Tonfall ändern würden).

Der Inhalt der besagten Infobroschüre war nicht originell: Daß an allem, was in der Welt schiefläuft, die Männer schuld sind (sowas nehme ich grundsätzlich persönlich), und außerdem sind die Linken die Allerschlimmsten, weil es sich bei denen um eine „Männerbewegung“ handelt – also etwas, was man schon hundertmal gelesen hatte.

Trotzdem war ich erstaunt: Darüber, daß sie mit dem sonnigsten Gemüt von der Welt für ihren Feldzug gegen die Linke deren Instrumentarium in Anspruch nehmen zu können glaubten (sofern man den Eschhaus-Buchladen diesem Instrumentarium zurechnen mag).

Das habe ich denen aber nicht gesagt. Ich habe sie nur gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, den METZGER in Frauenläden und Frauenzentren auszulegen. Da guckten sie mich an, als wäre ich vom anderen Stern. Die Verhandlung war beendet.

Das muß man sich mal vorstellen: Die kommen zu mir mit diesem Anliegen: „Guten Tag, wir möchten gerne in der Welt verbreiten, daß Sie ein Arschloch sind, und wir wollen Ihre Pläne durchkreuzen. Würden Sie uns dabei bitte behilflich sein?“ Und wenn ich dann antworte: „Nein, dabei möchte ich Ihnen nicht behilflich sein“, dann fallen die aus allen Wolken und verstehen die Welt nicht mehr. Die scheuen sich nicht, mich zu verleumden, aber sie wollen trotzdem von mir liebgehabt werden. Diese Frauen sind vor allem Töchter: der Alte Herr ist ihnen „total peinlich“, aber für ihre Klamotten soll Papi die Kohle rausrücken. Ist alles „nicht so gemeint“, alles nur ein Gesellschaftsspiel. Schlimm nur, daß ich grundsätzlich jeden beim Wort nehme.

Alice Schwarzer hat in der Frankfurter Rundschau für die Abschaffung des Internationalen Frauentages plädiert: „Woher kommt der eigentlich? Von der Frauenbewegung auf jeden Fall nicht. In den 1970er Jahren kannten wir keinen 8. März.“ Das ist Quatsch. Seit der Einführung des Gregorianischen Kalenders hat es jedes Jahr einen 8. März gegeben, auch in den 70er Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts. Sie will – mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln – auf etwas anderes hinaus: „Es muß so Anfang der 80er Jahre gewesen sein, als der auftauchte. Im Westen. Im Osten war er wohlbekannt.“ Wer besser Deutsch kann, schreibt die Umstandsbestimmung in den Satz hinein und nicht dahinter, und wer ein besseres Gedächtnis hat als es Alice Schwarzer lieb sein kann, ist besser darüber informiert, wann „der“ „auftauchte“.

Der Internationale Frauentag, findet Schwarzer, ist „für Feministinnen, gelinde gesagt, der reinste Hohn.“ Schwarzer und die Sprache! Wenn es „gelinde gesagt“ der „reinste“ Hohn ist, was ist es denn dann, wenn es ungelinde gesagt wird? Der reinsteste Hohn?

Und warum ist der Internationale Frauentag der reinstestestestesteste Hohn? Weil er „unter den Vorzeichen“ steht, von der sozialistischen Bewegung eingeführt worden zu sein, weil er in der DDR gefeiert wurde.

Alice Schwarzer rückt die Geschichte gerade: „Doch gerade die Frauenbewegung entstand bekanntermaßen (!) Anfang der 1970er Jahre (!) im Westen nicht zuletzt aus Protest gegen die Linke.“ Und vermutlich darum macht Frau Schwarzer auch so gern Reklame für das Progromblatt aus dem Hause Springer, das schuldig ist am Tod von Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke.

Die Frauenbewegung entstand bekanntlich (!) nicht erst Anfang der 70er Jahre. Aber daß die Frauenbewegung, die Anfang der 70er Jahre im Westen entstand, sich alsbald zu einer Bewegung gegen die Linke entwickelte, zu einer reaktionären Bewegung (oder besser gesagt: zu einer Bewegung, der reaktionäre Tendenzen innewohnten), das habe ich schon vor dreißig Jahren gesagt. Man hat mir das übelgenommen, daß ich damals das bemerkte, was heute von der Eigentümerin der Frauenbewegung als offizielle Lesart verkündet wird.

Doch gerade die Linke, die Ende der 50er Jahre im Westen entstand und Ende der 60er Jahre ausbrach, war zuallererst ein Aufstand gegen all das, was mir aus tiefster Seele verhaßt ist: Langeweile, Spießigkeit, Prüderie und Kasernenhof – also das, was heute von Alice Schwarzer verkörpert wird.